Konzert-Kritik : Perlmuttglanz

Kleine Sternstunde der Kammermusik: Simon Rattles Sohn Sacha Rattle im Musikinstrumentenmuseum.

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„Ist er denn genauso gut wie sein Vater?“, raunt es im Publikum, bevor man den Curt-Sachs-Saal im Musikinstrumentenmuseum betritt. Sacha Rattles Auftritt beim nachmittäglichen „Jour fixe“ sorgt für ein brechend volles Auditorium. Obwohl der junge Klarinettist alles tut, um gar nicht erst den Eindruck zu erwecken, er wollte von seinem berühmten Namen profitieren, ist dem Sohn des Philharmoniker-Chefs gesteigerte Aufmerksamkeit gewiss. Und er löst die Erwartungen voll ein, ist nicht „genauso gut“, sondern ganz anders: Großer Ernst, ja Introvertiertheit bestimmen sein Musizieren. Im Trio mit der robust-präzisen Pianistin Zeynep Özsuca und der ihren zartfarbigen Gegenpart bildenden Bratschistin Laura Möhr – beide wie Rattle noch Studierende an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ – ist er der sensibel und überlegt Gestaltende.

In Robert Schumanns späten „Märchenbildern“ entfaltet die selten verwendete Formation dunklen Perlmuttglanz, getragen von Rattles weitem dynamischem Spektrum von hauchzartem Piano bis zu Tönen voller strahlender Energie. Bratsche und Klarinette finden sich in feinsinnigen Dialogen, während die trockenen Staccati des Klaviers, unter der Überakustik des Raumes leidend, ein wenig zu massiv daherkommen. Die federnden Rhythmen sind es jedoch, die der Musik ihre etwas biedere Schwerblütigkeit nehmen. Ein Gegenpol dazu ist das „Trio pour clarinette, alto et piano“, das Jean Françaix 1990 in parodistischer Anlehnung an Mozarts „Kegelstatt-Trio“ schrieb. Das irrwitzig abschnurrende Laufwerk, die frechen Tangorhythmen, die ironisch eingefärbte Melodik gehen die Musiker mit virtuoser Leichtigkeit an, bewältigen halsbrecherische Unisoni-Partien mit großer Einmütigkeit und rufen mit ihrer pointierten Lebendigkeit große Begeisterung hervor.

Im langsamen Satz kann Rattle noch einmal mit Tönen wie aus dem Nichts bezaubern. Abseitiges, Grenzwertiges findet sich zuhauf in György Kurtágs „Hommage à R. Sch.“, ein düster drohendes, zersplittertes Mahnmal, in aphoristischer Prägnanz albtraumhafte Schlaglichter auf „Schumanns Schatten“ werfend. Aufschreie der Klarinette treffen hier auf fahle, am Steg erzeugte Schabegeräusche der Bratsche zu wuchtigen Basstönen des Klaviers, und nach quälend lang gezogenen Diskanttönen darf Rattle sacht die große Trommel schlagen: Das Spiel ist aus. Eine kleine Sternstunde der Kammermusik, nicht weniger eindrucksvoll als viele sinfonische Großtaten in der Philharmonie nebenan. Isabel Herzfeld

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