KONZERT-KRITIK : Stichsäge und Flauschteppich

Felix Denk

Es war laut, aber es tat nicht weh. Von dem gut 60-minütigen Lärmgewitter des Caspar Brötzmann Massakers blieb lediglich ein leichtes Ohrenpfeifen, das in seinem reichen Spektrum an Obertönen durchaus an das Gitarrenspiel des Krachvirtuosen erinnerte. Seit ein paar Monaten schon steht Brötzmann wieder mit seiner Originalband auf der Bühne, mit der er in den 80er und 90er Jahren zum Großmeister des experimentellen Noise-Rock wurde. Seinen Auftritt auf dem Summerize Festival geht er klassisch an: schwarz-weißer Stratocaster, schwarze Hose, schwarzes Hemd, wie immer aufgeknöpft bis zum Bauchnabel. Das Soundinferno, das er seiner umgedrehten Linkshändergitarre entlockt, wechselt zwischen Kreis- und Stichsäge, zwischen obertonreichen Klangschleifen und donnernden Riffs, die Melodiefragmente erkennen lassen, bevor sie in schrille Dissonanzen gleiten. Von dem physischen Druck, den Brötzmann früher entfachte, war der Auftritt allerdings einige Dezibel entfernt. Vielleicht ist man heute auch Krasseres gewohnt. Zwischen Lärm und Avantgarde hat sich ja so manche Drone-Metal-Band einen Namen gemacht, deren monochrome

Noiseschleifen radikaler anmuten als Brötzmanns Avantgarde-Rock.

Viel ist nicht los auf dem Festival, auf dem traditionell nur Berliner Bands spielen. Was schade ist, denn es gibt gute Momente. Etwa als die fabelhaften

Dakota Days
um Sänger Ronald Lippok den chromblitzenden Diskoschleicher „Slow“ von Kylie Minogue mit einem flauschigen Feedback-Teppich unterlegen. Oder der Auftritt von Driver & Driver, dem neuen Bandprojekt von Chris Imler und Patric Catani, der in den 90ern als Gabba-Wunderkind die derbsten Beats aus seinem Amiga 500 lockte und später die Handpuppen-HipHop-Band

Puppetmastaz gegründet hat. „Ich habe keine Blumen mitgebracht“, heißt ein Song. Die Gunst der letzten Gäste haben sie auch so gewonnen. Felix Denk

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