Konzert : Rumba & Roll

Überraschung aus Kinshasa: Im Berliner Haus der Kulturen spielt die Gruppe Staff Benda Bilili. Die Bandmitglieder sind Gehbehinderte und ehemalige Straßenkinder.

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„Staff Benda – Bilili! Trés Trés Fort!“, stellt sich die Band mit siebenstimmigem Triumphruf vor und hat bereits gewonnen. „Hinter das Sichtbare blicken“, bedeutet der Name des derzeit verblüffendsten Musikexports aus Afrika. Das Sichtbare genügt allerdings schon, um im Haus der Kulturen der Welt für Entzückung zu sorgen. Ganz zu schweigen vom Hörbaren.

Eben noch haben sie sich vom Tourmanager in ihren Rollstühlen hereinschieben lassen. Nun legt die Reihe der Frontsänger eine mitreißende Reggae-Nummer hin, schwenkt die Arme und dreht ihre fahrbaren Untersätze im Licht der kreisenden Scheinwerfer hin und her. Staff Benda Bilili verkörpern die Musterversion der Erzählung des Aufstiegs vom Outsider zum Star: Die Band besteht aus Gehbehinderten und ehemaligen Straßenkindern aus Kinshasa, der Hauptstadt des nach Kriegen und Plünderungen am Boden liegenden Kongo.

1974 sah Ricky Likabu das historische Konzert von James Brown zu Muhammad Alis Weltmeisterkampf – und schöpfte mit Komponist Coco Ngambali seinen eigenen Akustik-Funk. Die beiden kannten sich aus einem Heim für Polioversehrte. Seit der Diktatur Mobutus bilden die Poliokranken eine starke Gruppierung und kontrollieren, von Zöllen befreit, noch heute den Handel auf dem Kongo-Fluss. Likabu und Ngambali sangen auf Fähren und vor Restaurants im Regierungsviertel Gombe. „Poliomyelite“ etwa, ein Aufruf zur Polioimpfung in elegant dahin schreitendem Rumba-Rhythmus. Die Musiker verstanden sich als Journalisten der Straße. Heute spielen sie kaum noch in Kinshasa.

2004 trafen zwei französische Filmemacher auf die Musiker, die im heruntergekommenen Zoo probten, und finanzierten eine Albumproduktion. Genau genommen entstand die Band in ihrer heutigen Form gemeinsam mit dem Film „Benda Bilili“ von Florent de la Tullaye und Renaud Barret, der in Cannes gefeiert wurde und im nächsten Jahr in die Kinos kommt. So stellten die beiden den Musikern den zwölfjährigen Roger Landu vor, der mit einer selbstgebauten Laute aus einer Tomatendose, einem Stück Holz und einem Draht versuchte, Geld für seine Familie zu verdienen.

Heute, wo die Band durch Europa, Nordamerika und Japan tourt, ist Landu der Star, der mit dem schrillen Mandolinenklang seines Einseiten-Instruments den Sound bestimmt. Schlagzeuger Cubain Kabeya erzeugt mit einer Holzkiste als Bassdrum erstaunlichen Druck. Sänger Kabose Kabamba chantet auf seinen Krücken wie der Godfather of Soul, und Djunana Tanga-Suele verlässt auf dem Höhepunkt seiner Begeisterung den Rollstuhl, um, nur auf seine Arme gestützt, am Bühnenrand zu tanzen.

Die Musikavantgarde hat ihre Sender schon länger wieder auf Afrika gestellt – und kann nur sprachlos zusehen, wie hier in bester Sampling-Manier die afrikanischen Wurzeln westlichen Pops reklamiert werden. Immer wieder schwenkt ihr Hochgeschwindigkeits-Rumba plötzlich ins Mantra: „Get uppa – Sex Machine!“ Im Saal wird entfesselt getanzt, und zum Schluss gibt’s eine bejubelte Rollstuhl-Polonaise.



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