Konzert : The Low Anthem: Evolution ist machbar

Hymnen auf Charles Darwin: The Low Anthem haben eine der besten CDs des Jahres aufgenommen. Am Mittwoch spielt die Band aus Providence in Berlin.

Christian Schröder

Die Fahrt, die Charles Darwin 1831 mit der HMS Beagle antrat, gilt als eines der wichtigsten wissenschaftlichen Reiseunternehmen der Geschichte. Fünf Jahre war der junge Biologe unterwegs, er traf die Ureinwohner Feuerlands, grub in Patagonien Fossilien aus und entdeckte auf den Galapagosinseln seltsame Tierarten. Am Ende hatte er 1529 Spezies in Spiritus eingelegt und die Grundlagen für seine Evolutionstheorie gelegt.

Heute hingegen würde Darwin kein Land mehr sehen. „Oh my God, the water’s cold and shapeless“, säuseln The Low Anthem. Lieblich zirpt dazu eine Akustikgitarre, eine Mundharmonika quäkt. „Oh my God, it’s all around/Oh my God, life is cold and formless.“ Die Band aus Providence, Rhode Island schickt den Naturforscher noch einmal hinaus aufs Meer. Die Welt scheint – vielleicht eine Folge sozialdarwinistischer Auslöschungsschlachten – dem Untergang geweiht. Keine Spur mehr vom Festland, und das alles ausfüllende Wasser ist verdammt kalt. Der Mensch stirbt aus, eine neue Evolution kann beginnen.

„Oh My God, Charlie Darwin“ heißt das zweite Low-Anthem-Album, das in England bereits als – so das Musikmagazin „Mojo“ – „Gottesgeschenk“ gepriesen wird, in Deutschland aber erst im August herauskommt. „Charlie Darwin“ gehört zu den herausragenden Platten dieses Jahres, davon kann man sich schon jetzt bei einigen Konzerten der Band in deutschen Clubs überzeugen. Der Titel wirkt wie ein Studentenulk, aber seine musikalische Mission erfüllt das Trio aus Neuengland mit fast heiligem Ernst.

Die sanft wispernden Vokalharmonien erinnern an die Chorgesänge der Fleet Foxes, die im letzten Jahr für Furore sorgten. The Low Anthem sind Teil des derzeit fast epidemischen Folkrock-Revivals, aber immer dann, wenn ihre Musik zu süßlich zu werden droht, setzen sie einen Bruch.

Wenn Leadsänger Ben Knox Miller in der hinreißenen Ballade „To Ohio“ mit raspelnder Stimme zu Oboe, Mundharmonika und Gitarre einer vergangenen Liebe hinterhersingt und wehklagt: „Now every new love is just a shadow“, erinnert er an Neil Young, der einst mit seinen Kompagnons Crosby, Stills und Nash den Protestsong-Klassiker „Ohio“ aufgenommen hat. Doch gleich danach folgen mit „The Horizon Is A Beltway“ und – die Coverversion eines Tom- Waits-Titels – „Home I’ll Never Be“ zwei krachige Eckkneipenschunkler, bei denen Miller röhrt, als steckten Eisenspäne in seinem Hals.

„Die leisen Songs lassen die lauten noch lauter klingen, und umgekehrt“, sagt Ben Knox Miller. Der Folkmusiker, Dichter und Maler hatte den Jazzbassisten und Bluesfan Jeff Prystowsky im Jahr 2002 bei einem Baseballspiel an der Brown University kennengelernt. Die Band begann als Electronic-Songwriter-Projekt, Jocie Adams, die ein klassisches Kompositionsstudium absolviert hat, ist seit 2007 dabei. Der Geist von Neil Young und Bob Dylan, von den Allman Brothers und The Band weht durch „Oh My God, Charlie Darwin“. „Americana“ nennt man dieses Genre, das zurückgreift auf das Wurzelwerk des amerikanischen Pop.

Einmal murmelt Miller mit dunkler Stimme wie Leonard Cohen, gewidmet sind seine Zeilen – eine Referenz an „So Long, Marianne“ – einer „Mary Anne“. Für sie will er eine „Arche“ sein, sie sicher durch jeden Sturm bringen. Oh, mein Gott! Christian Schröder

The Low Anthem spielen an diesem Mittwoch um 21 Uhr im Berliner Bang Bang Club (Neue Promenade 10). Das Album „Oh My God, Charlie Darwin“ erscheint am 28. August bei Bella Union/Universal.

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