KONZERT-TIPP : Da knistert’s im Sarg

Felix Denk

In der Schule brachte es der englische DJ, Produzent, Remixer und Klangzauber Matthew Herbert gerade mal auf eine Drei, eine Angstschwelle zur Welt der klassischen Musik hat er dennoch nicht aufgebaut. Das ist ein Glücksfall, hört man seinen Beitrag zur Recomposed-Reihe der Deutschen Grammophon, bei der sich elektronische Musiker im Archiv des Klassik-Labels bedienen

können. Herbert nahm Mahler – eine schwierige Wahl. Dem großen österreichischen Komponisten, der an der Schwelle zur Moderne stand und doch so tief in der Romantik verwurzelt war, bekommt man nicht in den Griff, indem man ein paar Beats unter die schmelzenden Streicher-Glissandi legt.

Recomposed sei eh das falsche Wort für sein Projekt, sagt Herbert: „Eher trifft es reconsidered“. Also neu überdacht. Das bedeutet bei seiner Arbeitsweise erst mal: Neu aufgenommen. Aus der berühmten Sinopoli-Aufnahme von Mahlers unvollendeter Zehnter Symphonie arrangierte Herbert eine Art Hörspiel über ihre krisenhafte Entstehung im Sommer 1910. Mahler rang damals mit dem Tod und litt obendrein an Liebeskummer. Um diese existenzielle Krise hörbar zu machen, baute Herbert ein Autoradio in einen Sarg, bestellte einen Bratschisten an Mahlers Grab in Wien und nahm das Adagio mit einem auf dem Grab liegenden Mikrofon auf. Sogar nach Toblach in Südtirol ist er gereist, wo Mahlers Komponierhäuschen steht. Krähenschreie und ein Türknarzen fing er dort ein. Heute stellt Herbert sein Projekt zusammen mit dem Konzerthausorchester (Leitung: Roland Kluttig) live vor. Felix Denk

Yellow Lounge mit Matthew Herbert, Admiralspalast, Dienstag, 7.9., 21 Uhr

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