Kultur : Konzert-Tipps: Über einer vergessene Welt aus 88 Tasten

Jörg Königsdorf

Ohne die Festwochen-Schimpferei noch weiter fortsetzen zu wollen: Dass das Klavier als (neben der E-Gitarre) wichtigstes Instrument des letzten Jahrhunderts nur unter ferner liefen berücksichtigt wurde, kann mit Recht ärgern. Auch weil die Stadt mit Klavierabenden nicht gerade reich gesegnet ist. Die Konzertreihen, die heute noch an den Glanz der einstigen Weltklaviermetropole Berlin erinnern, lassen sich an einer Hand abzählen: Ein Rumpfzyklus der traditionellen Adler-Konzerte, das Halbdutzend jährlicher rising stars-Abende im herzlich klavierungeeigneten großen Saal des Konzerthauses, die kleine Philharmonie-Reihe "Klavier um vier" und die Initiativen des Konzerthauses in seinem kleinen Saal. Viel ist das nicht, auch weil Klavierabende sich für keinen veranstalter mehr lohnen - die Handvoll Pianisten, die den Kammermusiksaal oder gar die Philharmonie tatsächlich füllen könnten, verlangen so hohe Honorare, dass die Gewinnspanne gegen Null tendiert.

Umso verdienstvoller wäre es gewesen, bei den Festwochen wenigstens die wichtigsten Klavierzyklen des letzten Jahrhunderts zu präsentieren. Debussys Préludes und Etudes, Schostakowitschs Präludien und Fugen, oder, mit etwas echtem Festival-Mut die Klaviersonaten des russischen Spätromantikers Nikolai Medtner oder das sagenumwobene und auf dem ganzen Erdball nur alle paar Jahre einmal zu hörende vierstündige Opus Clavicembalisticum von Sorabji. Natürlich hätte auch Olivier Messiaens Klaviermusik ganz oben auf die Wunschliste gehört - und Pierre-Laurent Aimard, der Messiaen-Pianist mit dem Segen des Komponisten (und seiner Interpretin und Ehefrau Yvonne Loriod) rechtens ins Festwochen-Programm. Statt dessen eröffnet Aimard "nur" den Debussy-Zyklus im Kleinen Saals des Konzerthauses: Mal abgesehen von Mozarts tieftraurigem h-moll-Adagio sind Debussys "Images" und die acht frühen Messiaen-Preludes immerhin ein kleiner Trost für die Unterlassungssünden der Festwochen - die acht Preludes sind außerdem der ideale Höreinstieg für Messiaen-Neulinge, die das Experiment scheuen, sich gleich dem über zweistündigen Zyklus der "Zwanzig Blicke auf das Jesuskind" auszusetzen (30. 9.).

Neben der Kammermusik-dominierten Debussy-Reihe startet das Konzerthaus parallel einen kleinen über die Saison verteilten Skrjabin-Klavierzyklus, auch das eine Art Wiedergutmachung für einen der größten Klavierkomponisten des jahrhunderts, der bei den Festwochen nur mit einem eher schlappen Sinfoniekonzert gewürdigt wurde. Den Auftakt macht am 6. 10. der Brite Julian Evans mit einem gemischten Skrjabin- und Rachmaninow-Programm, bei dem auch Skrjabins dämonische neunte Klaviersonate, die "Schwarze Messe" auf dem Programm steht.

Die handvoll Klavierinitiativen sind insgesamt leider wenig mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, die meisten Pianisten bekommt man nach wie vor nicht mit einem Soloprogramm, sondern nur im Rahmen der Orchesterabonnementskonzerte zu hören. So auch Peter Donohoe, einstmals Preisträger beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb und seitdem einer der profiliertesten britischen Pianisten. Seinen Ruf hat sich Donohoe mit Repertoire des zwanzigsten Jahrhunderts erspielt, vor allem mit Stücken, die nicht nur Klangsensibilität und brillante Technik, sondern auch Kraftreserven erfordern. Optimalvoraussetzungen für Bartoks zweites Klavierkonzert, das Donohoe mit dem Berliner Sinfonie-Orchester und Jac van Steen im Konzerthaus spielt (7. 10.).

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