Konzert von Moses Sumney : Ikarus hebt ab

Seine Musik entzieht sich jeder Kategorisierung, seine Stimme ist einzigartig. Moses Sumney betört in der Berghain-Kantine.

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Umjubeltes Rätsel. Der Kalifornier Moses Sumney
Umjubeltes Rätsel. Der Kalifornier Moses SumneyFoto: Ibra Ake

Bei den herausragenden Sängern der jüngeren Popgeschichte ist die Aura so wichtig wie die Stimme: Was wäre Antony/Anohni ohne die Weltentrücktheit, was Benjamin Clementine ohne die erratische Unnahbarkeit? Dass Moses Sumney nicht nur durch seine einzigartige Stimme in diese illustre Runde gehört, wird in der ausverkauften Kantine am Berghain sofort klar: Während seine beiden Zuarbeiter mit Saxofonschlieren und Gitarrenschraffuren so eigenwillige wie präzise Sounds skizzieren, schreitet Sumney, in Schwarz gehüllt, den Kopf unter einer Kapuze verborgen, mit priesterlichem Ernst durch Trockeneisnebel und intoniert mit klangmanipuliertem Falsett ein wortloses Summen, aus dem sich allmählich die Zeilen „Imagine being free / Imagine feeling free / Imagine feeling“ modellieren.

Stell dir vor, du würdest etwas empfinden – wie „Self-Help Tape“ lassen die meisten der wortkargen Stücke Raum für Spekulationen. „Aromanticism“ heißt Sumneys Debütalbum. Die pathologische Unfähigkeit, romantische Gefühle zu entwickeln, attestiert sich der in Kalifornien geborene Sohn ghanaischer Einwanderer.

Zwischen Soul, Gospel und Jazz

Was immer man von dieser Selbstdiagnose halten mag, zumindest geht er konstruktiv damit um. So ist er zwischen den mit höchster Konzentration dargebotenen Songs erfrischend leutselig. Er zeigt sich verblüfft, wie weit einige Fans angereist sind („Hungary!“), bezeichnet diejenigen, die noch nie ein Konzert von ihm erlebt haben (also die meisten), als „Virgins“ und kokettiert vor dem durch einen insistierenden Beat beinahe clubtauglichen „Make Out In My Car“ mit seinen sexuellen Misserfolgen – was man bei dieser Mischung aus Charme und Attraktivität kaum glauben mag.

Erstaunlicherweise nimmt Sumneys Gelöstheit, auch die Kapuze ist längst gelüftet, dem Auftritt nichts von seiner Intensität. Schier hypnotisiert verfolgt das Publikum, wie hier Pop entsteht, der sich jeder Kategorisierung entzieht. Natürlich hört man Vorbilder, von den Falsett-Ekstatikern Prince und Curtis Mayfield über Klangerneuerer wie James Blake bis zur Kunstpopgöttin Björk, deren „Come To Me“ Sumney durch unirdsche Echoräume treibt. Aber die eigentliche Matrix dieses Sounds, der völlig frei zwischen Soul, Dubstep, Folk, Gospel und Jazz flottiert, bleibt ein bejubeltes Rätsel. Als Zugabe kündigt Sumney ein Lied über Recycling an – was „Plastic“ mitnichten ist, sondern eine betörende Meditation über den Ikarus-Mythos. „My wings are made of plastic“ singt er mit glockenhellem Sopran. Der Höhenflug des Moses Sumney hat gerade erst begonnen.

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