Konzertabend : Sie kann Berlin begeistern

Oper ist Jazz ist Spiritual: Jessye Normans zauberte einen triumphalen „Roots“–Abend in die Berliner Philharmonie

Christiane Tewinkel
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Danke für die Rosen. Jessye Norman in der Philharmonie. Foto: Davids

Das muss man erst einmal schaffen, die ganze Philharmonie ins Singen zu bringen, in dieser abgeklärten, oft genug missgelaunten Stadt. „Singen Sie bitte mit mir ‚Amazing Grace’“, sagt Jessye Norman am Ende zu ihrem Publikum – und eine Schrecksekunde fürchtet man, dass niemand folgen wird. Doch da heben die Massen bereits an, kommen der Bitte nach, lassen einen Teppich aus Klangwatte aufsteigen, der alles einhüllt, sie summen und singen zu Hunderten, und Jessye Normans Stimme strahlt darüber hinweg: „Amazing grace, how sweet the sound, that saved a wretch like me“.

Es ist ein ungewöhnlicher Abend, nicht nur wegen dieser Zugabe. Dass Jessye Norman nach den ersten Stationen ihres neuen „Roots“-Programms, nach Konzerten in München und Frankfurt auch in Berlin auf geradezu ehrfürchtige Zuhörerinnen und Zuhörer trifft, wird nicht erst klar, als einige von ihnen scheu wie Konfirmanden mit Blumensträußen an die Rampe treten, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln; huldvoll wendet sie sich ihnen zu, lächelnd, immer wieder sieht man sie „danke“ sagen, „dankeschön“. Doch schon im Laufe des Konzerts erhebt sich das Publikum zu Ovationen – für eine Sängerin, die es wagt, nach einer großen Konzert- und Opernkarriere noch einmal neue Wege zu gehen. Die Bühnenfürstin in Türkis, bald darauf in pinkfarbener Seide, präsentiert mit ihrer fünfköpfigen, zu großer Klangkraft auffahrenden Begleit-Combo ein Programm, das mit Spirituals und traditionellen Gesängen den langen, mühevollen Weg ihrer afro-amerikanischen Vorfahren ebenso abbildet wie ihren persönlichen Werdegang als Sängerin.

Vier Blöcke hat ihr Programm, viermal stößt sie Türen auf: zu den Anfängen nach Westafrika – etwas kitschverdächtig beginnt alles in tiefem Dunkel und mit Trommelgetöse –, zu den großen Frauen des Jazz- und Blues-Business, dann nach Frankreich und schließlich zu Duke Ellington und Thelonious Monk. Jessye Norman selbst bringt und hält die disparaten Teile zusammen, mit bedacht gesetzten Moderationen, vor allem aber mit dem Wagnis, in viele Stillagen hineinzuschmecken: George Bizets „Habanera“ gehört zu diesem Programm und ein Spiritual wie „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“, Francis Poulencs „Les chemins de l’amour“, Ella Fitzgeralds Version von Brecht-Weills „Und der Haifisch, der hat Zähne“, Monks „Blue Monk“ oder Duke Ellingtons „Heaven“.

Normans Stimme muss dieser Wahl in alle Ecken folgen, die populäre, die operatische, die versonnen verjazzte, bei der ihr Scat-Gesang so sehr zurückgenommen ist, dass er unter den Instrumenten vollends aufgeht. Doch wenn es nicht gerade um das kerlhaft ausgespuckte „God’s Gonna Cut You Down“ geht, um das in feinen Randschwingungen anhebende „Stormy Weather“, das Norman im Zwiegespräch mit Ira Coleman am Kontrabass angeht, die urtümelnde Kraft in „Oh When the Saints“ ganz am Schluss – dann fallen die Facetten dieser Stimme auch in einzelnen Nummern in eins: die rauchige Tiefe, die davon abgetrennte, mitunter herausplatzende Höhe.

Das unverwechselbar gesalbte Timbre, das man von ihren Klassik-Interpretationen kennt, und an dessen Osmose ins Jazz- und Spiritual-Repertoire hinein man sich erst gewöhnen muss, das gefistelt-gehauchte Herabkraxeln der „Habanera“, dem sie erst allmählich ein Vibrato unterlegen wird. Doch tritt all das zurück hinter Normans großer Ausstrahlung, ihrer künstlerischen Glaubwürdigkeit.

Früh hält sie eine Ansprache an das Berliner Publikum, in makellosem, überdeutlich prononciertem Deutsch. Sie hoffe, sagt sie, und ringt dabei inständig die Hände, dass es gelinge, „dass wir alle auf diesem Planeten in Toleranz, Liebe und Verständnis zusammenleben werden“. Großer Applaus, und schon kracht und glitzert Bernsteins „Somewhere“ in die Proklamation hinein: „There’s a place for us, somewhere a place for us“ aus der „West Side Story“. Eigentlich ein Liebeslied über die Grenzen verfeindeter Straßengangs hinweg, hier ein Lied, das das Gute will für alle und von allen: Dame Jessye Norman müsste die 1945 Geborene eigentlich heißen, so aufrecht, wie sie auf die Bühne schreitet, so generös, wie sie wiederholt auf ihre fünf Begleiter weist, unter denen Trompeter Mike Lovatt und Pianist Mark Markham besonders hervorstechen, so freundlich, wie sie mit ihrer Mimik und ihrem ungläubigen Lachen die Soli ihres Ensembles würdigt. Kein Wunder, dass das Publikum ihr bei „Amazing Grace“ gibt, was sie erbittet: Einer Dame schlägt man nichts ab.

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