Konzerte in Berlin : Bon Jovi, Portishead und Iron Maiden - eine Berliner Musiknacht

Rock, TripHop, Metal: Drei Konzerte an einem Abend, mit den Alphamännern und Schmerzensfrauen Bon Jovi, Portishead und Iron Maiden.

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Lederwesten-Held. Jon Bon Jovi am Dienstagabend in der Waldbühne.
Lederwesten-Held. Jon Bon Jovi am Dienstagabend in der Waldbühne.Foto: Britta Pedersen/dpa

Bon Jovi in der Waldbühne

Nein, ganz reibungslos ging die Verlegung des Bon-Jovi-Konzerts aus dem Olympiastadion in die deutlich kleinere Waldbühne dann doch nicht vonstatten. Das Problem: Der Platz fehlt. Viele, die eigentlich Karten für Sitzplätze in dem Halbrund haben, müssen stehen. Einige sind stinkig, und das kann man schon verstehen. „Ich werd’ nen Anwalt einschalten, das Geld hol’ ich mir zurück“, brummelt ein Herr seiner Gattin zu.

Rechtsmittel gegen den Rock'n'Roll. Vielleicht der beste Beweis dafür, dass das wichtigste Genre der Unterhaltungsmusik das Rebellische, das ihm anhängt, längst verloren hat. John Francis Bongiovi, 51-jähriger Friseursohn in New Jersey, ignoriert das natürlich völlig und nimmt die Zuschauer mit in eine längst vergangene Welt. Eine, in der es keinen Hip-Hop, Techno oder gar Dubstep gibt. Bühnendeko? Pah! Schwarz ist die Farbe der Bühne, und außer dem weißen Mikrofonständer und den noch weißeren Zähnen Jon Bon Jovis lenkt nichts von diesem Schwarz ab.

Überhaupt, dieser Mann. Ein Alphamann. Einer der im Verlauf des Abends noch wächst. Anfangs ist er der Lederwesten-Typ, den man sich auch unter der Hebebühne vorstellen könnte. Irgendwann wechselt er das Outfit, trägt plötzlich rotes Seidenhemd, schmale Jacke und Glitzerschuhe. Wenn man so dasteht während des Konzerts und überlegt, welcher Beruf zu ihm passen würde, fäll einem keiner ein – außer eben Frontmann einer Rockband. Einer erfolgreichen Rockband, wohlgemerkt. Bon Jovi haben in 30 Jahren mehr als 130 Millionen Platten verkauft, viele davon offenbar in Berlin.

Egal ob frühe Nummern wie „Runaway“ und „You Give Love A Bad Name“ oder Neunzigerjahre- Material wie „Bed Of Roses“ oder das sehr gut gealterte „Keep The Faith“, das Publikum – viele Tätowierungen aller Epochen und Güteklassen – ist zweidreiviertel Stunden lang textsicher, klatscht erfreut Viervierteltakte und ignoriert auch die Besetzungsänderung vornehm: Statt Richie Sambora, der eine sogenannte Auszeit nimmt, bedient die Gitarre zur Zeit ein gewisser Phil X. Den Gitarristenschritt, also rechter Fuß auf die Monitorbox und dann ab dafür, beherrscht er allerdings ebenso gut. Die positive Überraschung des Abends ist David Bryan, der sein Keyboard manchmal hübsch Richtung Psychedelic schiebt. Einmal singt er, obwohl er das wirklich nicht besonders gut kann, und plötzlich weht ein Hauch von Unperfektion durch die vielleicht schönste Open-Air-Bühne Berlins. Hoffentlich verklagt ihn keiner. Jochen Overbeck

Portishead in der Zitadelle Spandau

Die Hände ums Mikro gefaltet, die Augen geschlossen, die Haare im Gesicht. Beth Gibbons verbringt fast das gesamte Konzert in dieser Haltung. Bühnenpräsenz entfaltet die schmale Sängerin im grauen T-Shirt so gut wie gar nicht. Doch in der voll besetzten Zitadelle Spandau stört das keinen. Denn da ist ja ihre Stimme, die so zerbrechlich, flehend und klar wie eh und je über den hypnotischen Grooves ihrer Band schwebt.

Portishead sind zum ersten Mal seit fünf Jahren in Berlin. Auch sonst machen sich die TripHop-Pioniere aus Bristol rar, die seit ihrer Gründung 1991 nur drei Alben herausgebracht haben. Ihr Werk wirkt abgeschlossen und rund. Ein Eindruck, der dadurch verstärk wird, dass das Trio bei seinen seltenen Auftritten seit Jahren eine fast identische Setlist spielt. Offenbar arbeiten Portishead daran, ihren Status als moderne Klassiker zu festigen und ihre Stücke auf der Bühne zu verfeinern. In Berlin gelingt ihnen das jedenfalls auf eindrucksvolle Weise.

Sie beginnen mit zwei schnelleren Stücken aus dem letzten Album „Third“, um dann in ihr typisches verschlepptes Tempo zu verfallen. Adrian Utley zerrt feine Fäden und luftige Licks aus diversen Gitarren. Geoff Barrow unterstützt den Schlagzeuger an Pads und Trommeln, manchmal lässt er kurze Scratchings einfließen. Arrangements und Sound sind ausgezeichnet. Darüber vergisst man dann auch bald, dass Portisheads von Melancholie durchtränkte Musik nicht zu diesem warmen und viel zu hellen Sommerabend passt. Das Publikum lauscht mit bemerkenswerter Andacht einer reduzierten Version von „Wandering Star“, bei der Barrow, Utley und Gibbons ohne ihre vier Begleitmusiker im Bühnenzentrum zusammenkommen. Es gibt keine Beats, aber dafür um so mehr Gefühl – ein Gänsehautmoment. Die Songs haben die Zeit gut überstanden, sie sind zeitlos schön. Bei der Zugabe „Roads“ strömt eine alles umschließende wohlige Wärme aus den Boxen. Es ist fast schon etwas zu viel der Gediegenheit, aber egal: Kalt wird es früh genug wieder. Nadine Lange

Iron Maiden in der O2 World

Man möchte gar nicht wissen, wie viele 40-Tonner hinter der O2 World stehen, um den ganzen Krempel zu transportieren, der während des zweistündigen Konzerts von Iron Maiden gebraucht wird. Nicht genug damit, dass die britischen Schwermetaller genreübliche Pyrotechnik einsetzen und für jeden Song einen eigenes Fantasy-Bühnenbild entrollen lassen. Bei etlichen Nummern kommen gewaltige Pappmachéfiguren hinzu: gehörnte Dämonen mit rot glühenden Augen oder gehäutete Zombies mit pulsierendem Herzen.

Davor beturnt die Ältere-Herren-Gruppe, die das letzte Mal 2011 in Berlin auftraten. die riesige Bühne. Iron Maiden wirft sich als dreiköpfige Gitarrenhydra synchron in Pose oder marodiert tremolierend in einer Ecke herum, während das einzige Gründungsmitglied, der fakirgleich sehnige Steve Harris, energisch seinen Bass würgt. Schlagzeuger Nicko McBrain hat sich hinter einer Palisade aus in Kopfhöhe angebrachten Toms verschanzt. Durch das Tohuwabohu titscht Sänger Bruce Dickinson wie ein Hofnarr auf Speed. Ein klasse Frontmann, gerade weil er bei den instrumental ausufernden Songs viel Zeit für Unsinn hat: Grimassen schneiden, Mikrofonpantomime, über Monitorboxen hüpfen. Er knurrt biestig, knödelt wie ein Heldentenor, deklamiert beschwörende Geisterformeln und wechselt seine Kostüme fast so oft wie Lady Gaga: Mal ist er britischer Kampfflieger, mal ein auferstandener Vincent Price, mal ein irrer Marineoffizier.

Schön wäre es allerdings, wenn man die tollen Songs, die grandiosen Seemannschoräle in „Fear Of The Dark“, den hinreißenden Progrock-Kitsch in „Phantom Of The Opera“ oder den Schlachtenreißer „Run To The Hills“ auch in angemessener Klangqualität genießen könnte. Doch auf der hinteren Tribüne ist der Sound so mumpfig, als würde man ihn durchs Kopfkissen hören. Umso erstaunlicher ist die Begeisterung der rund 11 500 Zuschauer. Selbst der eingenickte, verstrahlte Jungfan auf dem Nebensitz wacht zur Zugabe „Running Free“ wieder auf und reckt enthusiastisch die Fäuste. Jörg Wunder

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