Konzerthaus Berlin : Halle des Volkes

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt feiert sein 25-jähriges Bestehen. Wie aus Schinkels Theatertempel ein Ort für klassische Musik wurde.

Frederik Hanssen
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Auferstanden aus Ruinen. Erich Honecker bei einer Sitzung des Olympischen Komitees 1985 im wiedererrichteten Konzerthaus. -Foto: dpa

Kaum hatte der neue Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann die Einladungen zum 25. Eröffnungsjubiläum des Musentempels am Gendarmenmarkt verschickt, erreichten ihn auch schon aufgeregte Anrufe. Da sei ja wohl ein bedauerlicher Druckfehler passiert, hieß es am anderen Ende der Leitung: Gemeint sei doch sicher der 250. Geburtstag!

In der Tat wurde das von Karl Friedrich Schinkel entworfene Gebäude 1821 eröffnet, als Königliches Schauspielhaus. Bis 1945 war hier Theater zu erleben, zuletzt unter dem Intendanten Gustaf Gründgens. Doch dann brannte der klassizistische Prunkbau in den letzten Kriegstagen aus – bis heute ist ungeklärt, ob eine SS-Einheit das Feuer legte, Hitlers Irrsinnsidee der „verbrannten Erde“ blind folgend, oder ob das Haus erst nach dem Einmarsch der Roten Armee in Flammen aufging.

Wiederaufbau: modern oder klassisch?

Fast vier Jahrzehnte lang blieb das Schauspielhaus eine Ruine unter vielen im historischen Zentrum Berlins, bis Erich Honecker mit Blick auf die 750-Jahr-Feier der Stadt den Wiederaufbau des Gendarmenmarkts anordnete. Eine Umfrage bei den Theaterleuten der DDR ergab allerdings, dass eine weitere Sprechbühne nicht gebraucht wurde. Also beschloss man kurzerhand, hinter der originalgetreu rekonstruierten Fassade einen Konzertsaal unterzubringen. Und zwar in zeitgemäßer Gestaltung.

Was die Optik des Innenlebens betraf, hatte das ZK der SED die Rechnung jedoch ohne die ausführenden Architekten gemacht: Denen erschien ein moderner Saal als Frevel gegenüber dem Erbe des großen preußischen Baumeisters. Sie bedrängten daher die Politiker und erhielten tatsächlich die Erlaubnis, bei der Ausstattung des Hauses so sehr zu „schinkeln“, wie ihnen beliebte. Wer dächte da nicht gleich an die Paulick-Saal-Debatte über das künftige Innenleben der Staatsoper.

Streit um Architektur und um Namen

Am Ergebnis scheiden sich bis heute die Geister: Was die einen als stuckstarrendes Relikt goldener Zeiten lieben, jagt den anderen wegen seiner disneylandhaften Künstlichkeit kalte Schauer über den Rücken.

Streit gab es auch um den Namen, den der Zwitterbau tragen sollte: Die Akademie der Wissenschaften sprach sich einstimmig für die treffende Bezeichnung „Konzerthaus“ aus, doch Erich Honecker wischte die Idee vom Tisch: Das Ding sei und bleibe nun mal das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt – eine Überzeugung, die nach der Wende Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen von der CDU übrigens genauso vertrat.

Claus Peter Flor dirigierte das Einweihungs-Konzert

Nach fünfjähriger Bauzeit konnte das neue, auf alt getrimmte Haus am 1. Oktober 1984 endlich eingeweiht werden. Vor 25 Jahren lauschte die Staatsführung der DDR den Klängen des Berliner Sinfonie-Orchesters, das künftig als hauseigenes Klangkollektiv fungieren sollte. Es dirigierte Claus Peter Flor, ein junger, vielversprechender Kapellmeister, der das Glück gehabt hatte, durch eine Kulissenstreitigkeit im Alter von nur 31 Jahren zum BSO-Chefdirigenten befördert worden zu sein: Sein Vorgänger Günther Herbig hatte den Taktstock entnervt hingeworfen, nachdem er doch nicht – wie zunächst versprochen – Intendant des Schauspielhauses geworden war. Die Parteileitung hatte aus Gründen einer leichteren politischen Kontrolle einen Fachfremden ausgewählt, den stellvertretenden „Minister für bezirksgeleitete Industrie“, Hans Lessing.

Nachdem Herbig von einem USA-Gastspiel nicht wieder in die Hauptstadt der DDR zurückgekehrt war, beerbte Flor ihn – und die Oberen klopften zudem bei dem Startenor der DDR, Peter Schreier, an, weil sie neben ihrer Intendantenmarionette noch einen repräsentativen, auch im Westen bekannten Namen brauchten. Dabei ging es vor allem darum, für das Haus international Werbung zu machen. Denn neben dem Berliner Sinfonie-Orchester sollte selbstverständlich auch das Weltniveau am Gendarmenmarkt präsent sein, in Form von hochkarätigen Gastspielen.

Legendär: das Wiedervereinigungskonzert

Da die Zahl der Planstellen im real existierenden Sozialismus keine Rolle spielte, wurden zwei separate Verwaltungen geschaffen: eine für die Ostberliner Musiker und eine für die Organisation der internationalen Engagements. Hier kam nun der „Präsident des Kuratoriums“, also Peter Schreier, ins Spiel: Bei einer Privataudienz in Honeckers Büro sollte der Sänger die nötigen Devisen für die ehrgeizigen Pläne erbitten – und der Staatsratsvorsitzende machte tatsächlich seine Westgeld-Schatulle auf.

So kam es, dass beispielsweise Leonard Bernstein zwischen 1984 und 1989 sechs Mal im Schauspielhaus auftreten konnte.

Wobei sich der amerikanische Maestro – im Gegensatz zur Mehrzahl seiner Kollegen – für die knallige Akustik des Saals begeisterte. Keine Frage also, dass er sein legendäres Wiedervereinigungskonzert, bei dem er am 23. Dezember ’89 mit Musikern aus beiden Teilen Deutschlands sowie aus den Ländern der Alliierten Beethovens 9. Sinfonie in der Philharmonie zelebriert hatte, am 1. Weihnachtsfeiertag am Gendarmenmarkt wiederholte: Von den umgedichteten Schiller-Worten „Freiheit, schöner Götterfunken“ konnte sich an diesem Abend jeder im Saal angesprochen fühlen.

Zum Jubiläum spielen alte Bekannte

Beethovens Neunte steht auch am Beginn der Feierlichkeiten zum 25. Jubiläum: Das Konzerthausorchester, wie sich das BSO seit August 2006 nennt, musiziert am Donnerstag, den 1. Oktober, unter Leitung seines aktuellen Chefdirigenten Lothar Zagrosek. Kombiniert wird der Klassiker mit einer Uraufführung. Frank Schneider, der das Konzerthaus von 1992 bis zu diesem Sommer als Intendant sicher durch alle kulturpolitischen Stürme navigiert hat, wollte dafür einen ostdeutschen Komponisten verpflichten, der vor einem Vierteljahrhundert aufgrund seiner politischen Unangepasstheit nicht zum erlauchten Kreis derer gehörte, die für Honeckers Prestigeprojekt Klangmaterial liefern durften. Die Wahl fiel auf Friedrich Goldmann. Leider war es ihm nicht vergönnt, dabei zu sein, wenn nun sein Orchesterstück „Quasi una sinfonia“ aus der Taufe gehoben wird: Goldmann ist im Juli gestorben.

Beim großen Festprogramm werden bis zum Sonntag viele jener Ensembles zu erleben sein, die dem Haus seit langem verbunden sind. Am Freitag spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Marek Janowski, am Sonnabend sind die Akademie für Alte Musik sowie der Organist Joachim Dalitz zu erleben. Am Sonntag steht ein Kindertag auf dem Programm, bevor die Feierlichkeiten mit Auftritten des Kammerensembles für Neue Musik sowie des – von Peter Schreier dirigierten – Kammerorchesters „Carl Philipp Emmanuel Bach“ zu Ende gehen.

Es ist ein schöner Zufall, dass das Konzerthaus just zum 25-jährigen Jubiläum mit Sebastian Nordmann einen neuen, 38 Jahre jungen Intendanten bekommen hat. Für die Zukunft des Hauses, das sein wahres Alter hinter klassizistischen Säulen so gut zu verbergen weiß, gilt aber weiterhin: Man ist immer so alt, wie man sich fühlt.


- Weitere Informationen zum Jubiläum unter www.konzerthaus.de


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