Konzerthaus : Im Dienst der Klassik

Nach 17 Jahren wird Frank Schneider als Intendant des Konzerthauses verabschiedet.

Jörg Königsdorf

Erstaunt schaut Frank Schneider auf den runden Tisch in seinem Intendantenzimmer, an dem er eben noch mit dem Leitungsteam über Konzertprogramme, Tourneepläne und Vermietungsanfragen debattiert hat. „Das war jetzt tatsächlich die letzte Sitzung unter meiner Leitung“, stellt er fest. Als ob ihm gerade erst bewusst würde, dass 17 Jahre Konzerthaus nun unwiderruflich vorbei sind und ihm, wenn Klaus Wowereit ihn am heutigen Montag offiziell verabschiedet, nichts weiter zu tun bleibt, als seine Schreibtischschubladen zu leeren. Mehr noch: Als sei diese Zeit ein großes Abenteuer gewesen, dessen Tragweite einem erst im Nachhinein bewusst wird.

Dass der idealistische, so gar nicht dem Bild eines Kulturfunktionärs entsprechende Musikwissenschaftler erst zum Präsidenten der Ostberliner Akademie der Wissenschaften wurde und dann an die Spitze des Konzerthauses kam, gehört zu den typischen Geschichten der ersten Nachwendejahre. Als damals ganze Institutionen mit einem Federstrich aufgelöst wurden, konnte es passieren, dass ein Außenseiter aufs Schild gehoben und zum Hoffnungsträger werden konnte.

Per simpler Akklamation machten die Mitglieder der Akademie, des größten Forschungsinstituts der DDR, Frank Schneider 1990 zu ihrem Präsidenten. Teils, weil dessen noch junges Institut für Musikwissenschaft zu den ideologisch unverdächtigsten gehörte, teils, weil Schneider und seine Leute sich schon vor der Wende als akademische Leiharbeiter im Westen Reputation verschafft hatten. So erlebte Schneider den Mauerfall nicht in Berlin, sondern in der Abgeschiedenheit der fränkischen Provinz, wo er mit seinen Mitarbeitern gerade am Piper-Musiklexikon arbeitete.

Kaum jemand hätte ihm zunächst eine große Karriere prophezeit. Zwar hatte der 1942 bei Dresden geborene Schneider als Arbeiter- und Bauernkind beste Aufstiegschancen, aber schon mit dem ersten Berufsziel ging es schief. Eigentlich wollte er Dirigent werden, „aber nach vier Jahren Studium, beim ersten Praxistest vor der Staatskapelle, stellte ich fest, dass ich die Partitur nicht lesen konnte“. Diagnose: Kurzsichtigkeit. Er habe eine Nacht geweint – und sei nach Berlin gegangen, um Musikwissenschaftler zu werden.

Dass er sich gegen den Eintritt in die SED entschied, räumt er ehrlich ein, lag vor allem an seiner Frau: „Ich habe die DDR nicht geliebt, aber auch nicht gehasst. Aber meine Frau sagte: Wenn du in diese Scheißpartei eintrittst, heißt das Scheidung.“ Es folgte eine unauffällige Gelehrtenexistenz in den Auffangbecken, die der Staat für jene Intellektuellen geschaffen hatte, die nicht mit dem Strom schwimmen wollten: erst im Komponistenverband, dann an der Komischen Oper als einer von 15 (!) Dramaturgen, schließlich die Akademie und kurz vor der Wende die Habilitation über „Das politische Denken von Komponisten“. Zum Professor wurde er am 18. Oktober 1989 ernannt, dem Tag von Honeckers Sturz.

Was bewog Berlins Kulturbehörde 1991, dem 49-Jährigen die Leitung des Konzerthauses anzutragen? War es auch das Kalkül, erstmal einen Ossi scheitern zu lassen, um die Immobilie in Toplage anschließend einem Westberliner Aspiranten (etwa dem Deutschen Symphonie-Orchester) zuschanzen zu können? Schneider jedenfalls verzichtete auf eine sichere Professur im sonnigen Freiburg und nahm das Angebot an. „Da war einerseits die konkrete Herausforderung zu zeigen, dass auch ein Ossi so etwas hinbekommt. Und andererseits die einzigartige Möglichkeit, die Leistungsfähigkeit von Musikgeschichte unter Beweis zu stellen.“

Das Konzerthaus und sein Orchester haben die existenzgefährdenden Fusions- und Abwicklungsdebatten überstanden, die Berlins Klassikszene ab Mitte der 90er Jahre erschütterten – was vor allem Schneider zu verdanken ist. Er bekam es hin, ohne die in der Kulturhauptstadt übliche Großsprecherei und ohne Rücktrittsdrohungen, sondern mit Umsicht und Diplomatie. Auf den Empfängen des Bundespräsidenten, vermerkt er süffisant, sei er manchmal der einzige Ossi gewesen.

So geschickt Schneider sein Haus durch die Herrschaftsperioden diverser Kultursenatoren zu steuern wusste, so zwiespältig fällt die künstlerische Bilanz aus. Mit den Chefdirigenten des Hausorchesters (das seit zwei Jahren als Konzerthausorchester firmiert) hatte er Pech: Seinen Wunschkandidaten Michael Gielen bekam er nicht, der Däne Michael Schönwandt und der Routinier Eliahu Inbal schafften es nicht, dem Orchester in der hochkarätigen Berliner Konzertszene ein klares Standing zu verschaffen. Und Lothar Zagrosek hat im Dissens mit den Musikern gerade das Handtuch geworfen.

Auch Schneiders humanistisch-idealistische Bemühung, die Konzerthaus-Säle zum Forum für die vielfältigen Erscheinungsformen der klassischen Musik zu machen, fiel beim Berliner Publikum nicht auf fruchtbaren Boden. Die Lieder- und Quartettabende, die Konzerte mit Neuer Musik in den kleinen Sälen finden oft vor nur wenigen Zuschauern statt. Auch wegen des immer stärkeren Sparzwangs hat sich das Konzerthaus der Philharmonie im Westteil der Stadt angeglichen und ist zu einer Orchesterspielstätte mit Beiprogramm geworden – was Schneider vergeblich zu verhindern suchte.

Die Frage nach der Profilierung des Hauses reicht Frank Schneider nun an seinen Nachfolger Sebastian Nordmann weiter. Er selbst will sich erst mal erholen von den 17 Jahren kontinuierlicher „Willensanstrengung zur Freundlichkeit“. Und dann? „Vielleicht noch ein Buch über die Musik der DDR schreiben. Da müsste noch einiges klar gestellt werden.“ War schließlich nicht alles schlecht, damals.

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