Konzerthausorchester Berlin : Revolte in rotem Samt

Wenn Dimitrij Kitajenko, der Erste Gastdirigent des Konzerthausorchesters, aufs Pult steigt, legen sich die Musiker immer besonders ins Zeug. So auch jetzt bei einem Abend mit Werken von Prokofjewund Rachmaninow..

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Dmitrij Kitajenko
Dmitrij KitajenkoFoto: Dan Hannen/ Konzerthaus

Wie ein Buddha thront Elisabeth Leonskaja auf der Klavierbank. Während die Finger über die Tasten fliegen, strahlt der übrige Körper maximale innere Ruhe aus. Andere Pianisten kriechen beim Spielen förmlich in den Flügel hinein oder sie winden sich theatralisch mit der Musik, reißen wild die Arme hoch am Ende eines besonders rasanten Laufs. Der König dieser Zappelphilipp-Virtuosen ist Lang Lang. Elisabeth Leonskaja braucht solche Showelemente am Freitag im Konzerthaus am Gendarmenmarkt nicht. Die russische Pianistin fokussiert bei Sergej Prokofjews haarsträubend schwerem 2. Klavierkonzert auf das Wesentliche, arbeitet sich hochkonzentriert durch die vollgriffigen Passagen, lässt eine Tonkaskade nach der anderen aus der Höhe herabstürzen, schlägt wuchtige Akkorde im tiefen Register.

„Zum Teufel mit dieser Futuristenmusik!“ sollen die Hörer bei der Uraufführung gerufen haben. „So was können uns zu Hause die Katzen vormachen!“ 1913 war das, im selben Jahr kam auch Strawinskys Skandalballett „Le sacre du printemps“ heraus. Frech und unerschrocken schreibt Prokofjew, der als Pianist wie Komponist doppelt Begabte, ohne Angst vor Dissonanzen, im festen Glauben an die revolutionäre Kraft der Avantgarde. Und doch geht es hier nicht allein darum, Spießer zu erschrecken. Elisabeth Leonskaja deutet den Solopart vielmehr als Kardiogramm eines unsteten Herzens, mit starken emotionalen Amplituden, akuten Krisen und Phasen der Regeneration, in denen man spürt, dass die Ruhe stets nur eine relative sein wird.

Silbrig-herb ist der Orchestersound, den Dirigent Dmitrij Kitajenko beim Prokofjew-Klavierkonzert vom Konzerthausorchester fordert – und natürlich auch bekommt. Bei den Programmen mit dem russischen Maestro, der seit 2012 ihr erster Gastdirigent ist, legen sich die Musiker immer ganz besonders ins Zeug. Nach der Pause braucht Kitajenko dann eine völlig andere Atmosphäre für Sergej Rachmaninows 2. Sinfonie von 1906, eine erhöhte Temperatur gewissermaßen, schwülwarm, so wie in einem sehr gut geheizten Jahrhundertwendesalon mit schweren, dunklen Holzmöbeln und viel rotem Samt vor den Fenstern. Wunderbar blüht der Klang des Orchesters unter seinen Händen auf, üppig und dicht, ganz in sich gerundet und golden schimmernd. Souverän disponiert Kitajenko die rasch wechselnden Erregungszustände innerhalb der fast 60 Minuten Aufführungsdauer, kanalisiert Rachmaninows spätromantische Melodieseligkeit in die richtigen Bahnen, bändigt die wild wuchernde Struktur, kurz, schlägt einen einzigen Bogen über die vier Sätze und schafft es somit tatsächlich, das Disparate dieser an Höhepunkten so überreichen Partitur als zwingende Bilderfolge zu vermitteln. Rührung, Erleichterung, Jubel.

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