Konzerthausorchester : Feuer & Asche

Konzerthausorchester: Saisonauftakt mit Mahler

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Manchmal versteckt man sich gern hinter dem Rücken eines Kollegen. „Ein echtes Festtagsfeuerwerk“, rufen wir also mit ironischem Unterton und ducken uns hinter dem amerikanischen Musikkritiker Alex Ross, der mit diesen Worten einst die Textvorlage zu Helmut Lachenmanns bitterernster Oper „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ bedachte. Und meinen heute etwas anderes, nämlich den Einfall, den Saisonauftakt des Konzerthausorchesters mit der letzten Nummer aus Mahlers „Lied von der Erde“ zu beenden. Sicher, für ein Leben wie das des 1860 geborenen Gustav Mahler, für die Tragik seiner ärmlichen Herkunft, die unglückliche Ehe, das ahasverische Gefühl der Heimatlosigkeit, den Tod in Wien nach der überstürzten Rückreise aus New York, für dieses Leben ist die Schwärze, sind die bis ins Rätselhafte reduzierten, dissoziierten Klänge des „Abschieds“ gerade gut genug.

Das Konzerthausorchester unter Lothar Zagrosek und Dietrich Henschel als Solist interpretieren diese Musik mit großer Tiefe.Doch als festlicher Auftakt ist sie nicht geeignet. Vielleicht geht ein Großteil des Publikums deswegen nach dem Mahler-Konzert nach Hause, statt sich bei den gleich anschließenden Nachtkonzerten von den Klezmerklängen des Ensembles Aufwind verzaubern zu lassen oder vom Kammerensemble Neue Musik unter Roland Kluttig zu hören, wie Schönberg, Berg und Eisler das Erbe Mahlers verwalteten. Schade.

Denn der Abend hat wunderbar begonnen, mit einer verbal-musikalischen Nacherzählung von Mahlers Lebensstationen. Klaus Maria Brandauer steht händereibend, manchmal auch etwas onkelhaft am Pult, verliest Briefe und Berichte, spielt seine Virtuosität aus und animiert das Publikum im ausverkauften Saal durch Rezitation des Rückert-Liedes „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ zu Totenstille. Dietrich Henschel singt mit hellstem Bariton Mahlers „Die zwei blauen Augen“, das Ensemble Aufwind gibt eine Kostprobe traditioneller chassidischer Musik, und das Orchester spielt als Tribut an das Pfeifen und Tschingderassabumm von Militär und Volksklängen in Mahlers Jugend einen Marsch von Johann Strauß Sohn. Ein buntes, schönes, Gedanken anregendes Konzert, ein Feuerwerk also doch, nur am Ende zu viel Asche, wenig Lust zu tanzen.

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