Konzerthausorchester : Höher, schneller, weiter

Das Konzerthausorchester unter Vladimir Jurowski spielt Liszt, Schostakowitsch und Bruckner. Für Geiger Kolja Blacher ein Spagat zwischen dem richtigen Timbre und schwerstem Gesäbel.

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Dirigent Vladimir Jurowski ein Ebenbild des jungen Liszt? Foto: Esteban Cobo/dpa
Dirigent Vladimir Jurowski ein Ebenbild des jungen Liszt?Foto: Esteban Cobo/dpa

Über den Pianisten Franz Liszt heißt es, mit seiner Anschlagskunst sei es nicht weit her gewesen. Was ihn auf der Bühne ausgezeichnet habe, seien vielmehr Charisma, Mienenspiel und die glänzende technische Beherrschung des Instruments gewesen. Offenbar hat ein wenig schöner Ton nicht viel Bedeutung, wenn es ums Höher, Schneller, Weiter der musikalischen Aufführung geht – wie viel eindrucksvoller dann, wenn zu einer stupenden Technik eine besondere Timbrierung tritt, wie nun bei dem Geiger Kolja Blacher im Konzerthaus.

Nicht Töne auf engstem Raum, sondern Töne mit sehr viel Raum

So schön nämlich spielt Blacher, mit einer so durchlässigen linken Hand und einer so vollendet entspannten Bogenhand, dass man sogleich an das alte Wort vom singenden Ton denken muss; weder heiße Spannung noch falsche Gemütlichkeit sprechen aus diesem Klang, stattdessen Gelassenheit und Geruhsamkeit. Dabei muss auch Blacher sich über die Klippen des 1967 entstandenen 2. Violinkonzerts von Dmitri Schostakowitsch hinwegkämpfen, mit schwerstem Gesäbel und Doppelgriffegeschütz zumal im letzten Satz. Doch gelingt ihm dies selbstverständlich ebenfalls, wie überhaupt die echten Schwierigkeiten ja nicht dort entstehen, wo viele Töne auf engstem Raum zusammendrängen, sondern umgekehrt, wo wenige Töne sehr viel Raum einnehmen.

Ein zerhustetes, erstes Opus von Anton Webern

Unterdessen bietet der Abend mit dem Konzerthausorchester unter Vladimir Jurowski (der übrigens seinerseits aussieht wie der junge Liszt) auch in anderer Hinsicht Schönes. Gespielt wird nämlich das angeregte, darin fabelhaft anregende erste Opus von Anton Webern, die Passacaglia von 1904. Viel Zeit ist vergangen seit der Wiener Uraufführung, und doch nimmt diese Komposition noch immer für sich ein, in ihren nervös hochfahrenden Passagen ebenso wie in dem leisen, überaus vorsichtigen Anheben und Sich- Erst-Einfinden, das im Konzerthaus leider zerhustet wird, trotz aller Bemühungen Jurowskis, Konzentration und ganz viel Innerlichkeit herzustellen.

Leichter wird es dem ehemaligen Ersten Kapellmeister der Komischen Oper, der seit 2007 das London Philharmonic Orchestra leitet, nach der Pause, starken Klang und orchestrale Größe auszulösen: mit Bruckners erster Sinfonie, in der von William Carragan rekonstruierten ersten Fassung.

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