Konzerthausorchester : Musiker wollen scheinbar Wechsel an der Spitze

Lothar Zagrosek kämpft um den Job als Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters – gegen seine Musiker.

Frederik Hanssen

Beim Billard nennt man das „Spiel über die Bande“: Lothar Zagrosek, der Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters, klagt Kulturstaatssekretär André Schmitz an – und meint eigentlich seine Musiker. Am vergangenen Freitag hatte Zagrosek durch eine Pressemitteilung verbreiten lassen, in der zu lesen war, dass er „aufgrund der fehlenden Unterstützung“ in Berlin künftig „keine Perspektive mehr sieht“. Das wurde allgemein als Drohbrief an die Senatsverwaltung verstanden. Denn der Vertrag des Dirigenten steht zur Verlängerung an. Und in der Tat meldete sich André Schmitz bei Zagrosek, kaum dass die Agenturen die Nachricht vom drohenden Weggang des Maestro verbreitet hatten. Am 27. April soll ein Gespräch stattfinden – bis dahin haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart.

Genau das erklärte Zagrosek auch den Medienvertretern, die am Montag zur Jahrespressekonferenz des Konzerthauses an den Gendarmenmarkt gekommen waren. Sollte er also tatsächlich die Zeitungen und Radiosender missbraucht haben, um einen Termin bei seinem Vorgesetzten zu erzwingen? Oder steckt vielleicht ein Zerwürfnis mit dem neuen Intendanten des Hauses, Sebastian Nordmann, dahinter? Wollte Zagrosek durch seine Aktion die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die bei diesem Termin eigentlich Nordmann zugestanden hätte?

Der Verlauf der Spielplan-Präsentation legte dann gestern eine andere Interpretationsmöglichkeit nahe: Während sich nämlich Nordmann und Zagrosek gegenseitig glaubwürdig ihre Zuneigung versicherten, erklärte Ernst-Burghard Hilse vom Orchestervorstand lediglich, dass Nordmann der Wunschkandidat der Musiker gewesen sei. Über die Zusammenarbeit mit Zagrosek verlor er kein Wort. Dass Hilse einen Vollbart trägt, der es ihm erleichtert, ein Pokerface aufzusetzen, nutzte der Flötist auch im anschließenden Gespräch mit dem Tagesspiegel, um sich als neutraler Beobachter zu gerieren.

Und doch drängt sich der Verdacht auf, dass sich die Musiker zum Sommer 2011, wenn Zagroseks Vertrag ausläuft, einen Wechsel wünschen. Lothar Zagrosek ist in seiner langen, glanzvollen Karriere vor allem als Operndirigent hervorgetreten. Bei dem auf einen reinen Konzertbetrieb ausgerichteten Konzerthausorchester aber sind vor allem Erfahrungen im sinfonischen Bereich gefordert. Programmatisch konnte Zagrosek hier immer überzeugen: Er hat spannende, überraschende Abende zusammengestellt, hat sich für Randständiges starkgemacht. Sein Ehrgeiz gilt neuen Konzertformen: Bei den sonntäglichen Mozart- Matineen dirigiert er Unbekanntes aus der Feder von Wolfgang Amadeus, zum Saisonstart wird das gesamte Haus bespielt, am 31.12. darf sich das Publikum sein Silvester-Programm aus einem musikalischen Menü selber zusammenstellen. Und für die halbszenischen Musiktheaterprojekte des Chefs werden weder Kosten noch Mühen gescheut.

Das kommt gut an bei der Presse und in der Politik – denn hier kümmert sich einer wirklich darum, das eigene Haus im Klanggewirr der Musikmetropole Berlin wiedererkennbar zu machen. Das findet auch den Zuspruch der Zuschauer – der 13 000 Abonnenten einerseits, die dem Konzerthausorchester die Treue halten, der kurzentschlossenen Kulturnomaden andererseits, die die Abendkasse stürmen, wenn Ereignisse jenseits des Mainstreams anstehen.

Orchester dagegen ticken anders. Sie wollen das große Kernrepertoire spielen, Beethoven, Brahms, Mahler, Bruckner. Immer wieder und am besten in Zyklen. Weil sie sich so am besten mit der Konkurrenz vergleichen können, weil sich aus einem Spitzenplatz im Orchester- Ranking ihr Selbstwertgefühl speist. Dass Lothar Zagrosek für seine innovative Spielplangestaltung gerade den „Kritikerpreis 2009“ erhalten hat, lässt sie eher kalt. Wenn er im Interview sagt, er würde Beethoven am liebsten dadurch ehren, dass er seine Werke ein Jahr lang mal gar nicht spielt, stehen ihnen die Nackenhaare zu Berge. Bei der Pressekonferenz am Montag fühlte sich Lothar Zagrosek bemüßigt, darauf hinzuweisen, dass er in der kommenden Saison mehr „große Werke“ dirigieren werde. Auch das lässt Rückschlüsse auf vorangegangene Diskussionen zu.

Seitens des Senats bekam Lothar Zagrosek vor drei Jahren einen doppelten Auftrag: Zum einen sollte er den ewigen internen Streit zwischen dem Orchester und dem Konzerthaus befrieden, zum anderen das Ensemble innerhalb der Stadt neu positionieren. Beides ist ihm gelungen: Er hat die Umbenennung des Berliner Sinfonie-Orchesters in „Konzerthausorchester“ durchgesetzt und die Musiker damit unmissverständlich zur „Premiummarke“ des Schinkel’schen Musentempels erhoben – gegen den Widerstand des nun scheidenden Intendanten Frank Schneider, der die hauseigene Truppe stets in dienender Funktion sah.

In der Tat liegt die Einmaligkeit des Konzerthauses in der Tatsache begründet, dass hier ein ganzheitlicher künstlerischer Ansatz verfolgt werden kann. Während die Philharmonie als reine „Vermietungsbude“ fungiert, wenn nicht gerade die Berliner Philharmoniker dort spielen, hat das Konzerthaus einen eigenen Etat, mit dem thematische Schwerpunkte realisiert, gezielt Gäste eingeladen werden können. Innerhalb der 600 Veranstaltungen, die so alljährlich am Gendarmenmarkt stattfinden, fühlten sich die hauseigenen Musiker stets „untergebuttert“.

Lothar Zagrosek hat es geschafft, dass in der Stadt nun wieder über das Orchester geredet wird. Sollten die Musiker tatsächlich meinen, damit habe er seine Schuldigkeit getan und könne nun gegen einen Kernrepertoire-Kenner ausgetauscht werden, wäre das wahrlich kein guter Stil.

Infos über die Saison 2009/10 des Konzerthauses unter: www.konzerthaus.de

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