Konzertkritik : Bäuche, Biere, Explosionen

Leiser, aber immer noch großartig: Die Hardrock-Urgesteine von Kiss begeistern in der Berliner O2 World

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Die Zunge des Hardrocks. Kiss-Bassist Gene Simmons in Aktion. Foto: DAVIDS/Darmer
Die Zunge des Hardrocks. Kiss-Bassist Gene Simmons in Aktion. Foto: DAVIDS/DarmerFoto: DAVIDS

Das mit der implantierten Kalbszunge ist inzwischen geklärt, auch das mit dem durchtrennten Zungenbändchen: Alles Enten von gestern. Und ob das mit den 4600 Liebhaberinnen wirklich stimmt … Obwohl: In fast vier Jahrzehnten Hardrock lässt sich einiges flachlegen. Gene Simmons, der Bassist mit der Zunge und der Samuraifrisur, ist mittlerweile 60 Jahre alt, hat zwei Kinder mit einem Ex- Model, lebt in Beverly Hills und sagt der Öffentlichkeit nicht mehr so oft, dass man ihn „mit offenen Armen und Beinen willkommen heißen“ soll. Aber wenn er mit Paul Stanley, der ebenfalls auf die 60 zumarschiert, dem Schlagzeuger Eric Singer und dem Bandküken und Leadgitarristen Tommy Thayer auf Tour geht, dann sieht das äußerlich noch genauso aus wie damals, 1973, als Kiss der Welt erste VisualKei-Band wurde, lange vor Teenietransusen wie Tokio Hotel und vor Horrorkostümrockern wie GWAR.

Dann werden Tüten und Truhen voller schwarzer und weißer Kostümteile im Bandbus für sie herangekarrt. Ordentlich beschriftet mit „The Starchild“, „The Demon“, „The Spaceman“ und „The Cat“, vielleicht auch mit „Paul“, „Gene“, „Tommy“ und „Eric“, damit es später in der Garderobe keinen Kuddelmuddel gibt. Man rollt 20 Gitarrenverstärker dazu, auf denen statt „Marshall“ „Kiss“ steht, inklusive der einst umstrittenen Runen, die aber Dank der Fürsprache von Gene Simmons blieben. Denn der heißt eigentlich Chaim Witz und hat viele Familienmitglieder im Holocaust verloren.

Und man baut die Bühne mit tetrisartig hochfahrbaren Podesten zu: Ganz oben sitzt die Katze, je zwei dicke, angedeutete Schurrbarthaare auf den Wangen. Von der Halle aus gesehen rechts steht The Spaceman, hübsche silberne Seventies-Retro- Sterne um die Augen, erinnert an David Bowie, der mit einem ähnlichen Outfit angefangen hatte, nur eben mit mehr Sophistication. Links steht Gene, vielleicht schon etwas massig um die Mitte, aber in den mit Nieten und Hardrockschnickschnack beklebten Plateaus verspielt sich das charmant, außerdem verdeckt der Hackebeilchen-Bass eine Menge.

In der Mitte, geschickt die befransten Plateauhacken im Takt zusammenschlagend wie Dorothy, wenn sie aus Oz zurück nach Kansas reisen möchte, steht Paul, The Starchild, das andere Kiss-Gründungsmitglied, nackte Brust unter weißem Kabuki-Gesicht mit Sternenauge und rotem Kussmund. Die Metal-Axt baumelt frivol vor den verschwitzen Brusthaaren. Sieht gut aus, die Brust, nur wer sich ein bisschen mit älterer Haut auskennt, der sieht, dass diese Brust einige Jahre Rockbusiness auf dem Buckel hat. Im Publikum wissen sie das. Die Halle ist sehr gut gefüllt, rockerfahrene Menschen, alle fünf Reihen blitzen Kiss-Gesichter, alle zehn Reihen sitzt sogar einer oder eine in voller Montur und balanciert den Bierbecher auf den schwarzen Knien. Es hat etwas von der Mos Eisley Cantina bei „Star Wars“, dieses friedliche Gemisch von Menschen, Außerirdischen und Alkohol.

Die Show beginnt mit Explosionen, so laut, dass man nur hoffen kann, im Publikum sind keine Hochschwangeren. Irgendwas sprüht Feuer, Kiss stehen auf der Bühne, die Katze haut die Trommeln: Ja, genau so hat eine Hardrockshow anzufangen! Immerhin geben hier Experten für ungefähr 60 Euro eine Lehrstunde in Rock. Sie haben’s miterfunden, das Posen, die Konzentration auf das Riff, das Interagieren, das an diesem Abend besonders rührend ausfällt, denn des Starchilds Stimme ist angegriffen: Wenn er schreit „Tonight is a crazy crazy night!“, dann ist das viel leiser als früher, die Kopfstimme ist einfach nicht mehr da. Später wird er die Schreie bei „Detroit Rock City“ oder „100 000 Years“ nur andeuten, der Soundmann loopt gnädig, und schon schreit Paul, obwohl er nicht mehr am Mikro steht.

Sie spielen alles anstandslos runter, auch vom 2009 erschienenen Album „Sonic Boom“. Und „I’m an Animal“ oder „Say Yeah“ sind wirklich großartig, rocken, sind handfest und rund, nur eben mit dieser etwas brüchigen Stimme. Aber Kiss machen ihre Sache spitze, das Zungerausstrecken und dazu würdig gucken wie der Opa der Addams Family, das eitle Haareverwuscheln und Schmollen, das Ejakulieren von Soli aus dem Gitarrenhals, das Doppelbassdrumgeknatter. Das Elementare kommt dann in den Zugaben, nach über zwei Stunden. Die Vorlagen für die drei wichtigsten Rockformate, die auf dem Kiss-Mist gewachsen sind: die Hymne „God gave Rock ’n’ Roll to you“ (Stichwort Rock ’n’ Roll), der Pubrock- Mitmacher „Rock ’n’ Roll all Nite“ (Stichwort Party) und der Tanzflächenknaller „I was made for loving you“ (Stichwort Sex). So geht das. Ist doch ganz einfach!

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