Konzertkritik : Einsamkeit hat viele Namen

Zwischen Trauer und Brimborium: Die schwule Pop-Diva Rufus Wainwright gibt ein ambitioniertes Konzert in der Berliner Volksbühne

Christiane Rösinger
Foto: DAVIDS

Manchmal wird ein werkgetreues Konzert dem Werk wenig gerecht. Diese Erfahrung konnte man jetzt in der ausverkauften Berliner Volksbühne machen, wo Rufus Wainwright sein neues Album „All Days Are Nights: Songs for Lulu“ vorstellte. Es ist als Liederzyklus zu verstehen, und genau so sollte es zur Aufführung gebracht werden – weshalb das Publikum auch vor Konzertbeginn angehalten wird, in der ersten Konzerthälfte nicht zu applaudieren, bevor der Künstler die Bühne wieder verlassen hat. Dann verdunkelt sich der Raum, es schreitet eine Gestalt langsam im Dreimeterschleppkleid zum Klavier und spielt mit theatralischen Gesten die zwölf Lieder des Albums herunter – ein einziger Wink mit dem Zaunpfahl: „Hallo Hochkultur – ich bin angekommen!“

Weiß Rufus nicht, dass wir wissen, dass er ein Genie ist, dass er eine wunderbare Stimme, einen unfassbaren musikalischen Ideenreichtum hat? Oder kommt so ein Brimborium zwangsläufig zustande, wenn sich eine überbegabte schwule Pop- Diva europäische Kunstmusik aneignet, als Übererfüllung sämtlicher Klischees? Oder hat ihn die Theaterarbeit mit Robert Wilson verdorben?

Die Platte ist ein puristisches Traueralbum für Piano und Gesang, geschrieben in der Zeit, als Wainwright um das Leben seiner Mutter bangte. Die Folk-Sängerin Kate McGarrigle starb im Januar. Im Konzert wurden die Lieder aber wenig spannungsreich dargeboten, das ganze Getue erschwerte das Eintauchen in die an Brahms, Mahler und Duke Ellington erinnernden Harmonien. Selbst „Martha“, die gesungene Anrufbeantworter-Nachricht für Wainwrights Schwester, nicht lange vor dem Tod der Mutter, wirkte weniger berührend als auf dem Album.

Auf der großen Leinwand hinter der dunklen Bühne öffnet und schließt sich – Achtung, Gesamtkunstwerk! – Wainwrights schwarz geschminktes Auge, manchmal weint es auch, verdoppelt und verdreifacht sich, wird in der extremen Großaufnahme zur geöffneten Muschel, Spinne oder zum ölverschmierten Urtierchen.

Am Flügel wird selbst der Griff zum Wasserglas theatralisch zelebriert, sinken nach dem zwölften Lied die Hände quälend langsam nieder, schreitet der Künstler in einsamer Trauerprozession von der Bühne. Wie schwer sich Wainwright selbst mit diesen Manierismen tut, wird nach der Pause offenbar, da springt er dann bunt gekleidet herbei, bringt pointenlose Geschichten von Apfelstrudeln und Wiener Schnitzeln, als müsse er die vorherige Strenge durch alberne Zwischenansagen wettmachen. Musikalisch wird es fahriger, es schleichen sich Flüchtigkeitsfehler ein, aber so etwas liebt das Publikum ja. Man freut sich an den Pophits, an „Gay Messiah“, „Art Teacher“ und „I’m so tired of America“.

Ganz zum Schluss gibt es noch einen schönen intimen Moment, als er seinen Fans für ihre Anteilnahme dankt, von seiner Mutter erzählt und zum Abschied ein Lied von ihr singt.

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