Konzertkritik Ensemble Mini in Berlin : Unterm Segel

Das Ensemble Mini unter Dirigent Joolz Gale spielt Gustav Mahler in der Musikbrauerei in Prenzlauer Berg.

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Der Komponist Gustav Mahler, geboren 1860, gestorben 1911. Foto: imago/Leemage
Der Komponist Gustav Mahler, geboren 1860, gestorben 1911.Foto: imago/Leemage

Es sind kleine Hinweise, man könnte sie übersehen. Das weiße Blatt da am Laternenpfahl etwa, darauf nur ein Wort: „mini“. Pfeilspitzen lotsen in einen schmalen Durchgang an der Greifswalder Straße, der auf ein kurioses Ensemble zuführt. Neue Wohnhäuser mit Anspruch umstehen einen alten Industriebau, durch dessen ungedecktes Obergeschoss man direkt in den Berliner Nachthimmel blicken kann. Im Ringen um die 1892 erbaute Schneiderbrauerei spiegelt sich die Entwicklung am Prenzlauer Berg, vom Teilen zum Besitzen, vom Feiern zur ungestörten Nachtruhe. Viele Clubs im Kiez haben entnervt zugemacht, doch die Musikbrauerei will sich öffnen, wirbt um das Verständnis der Anwohner.

Party um jeden Preis brauchen sie nicht zu fürchten, wenn das Ensemble Mini in den unverschönten Hallen zu Gast ist. Das Projektorchester des jungen britischen Dirigenten Joolz Gale findet sein temporäres Heim, wo einmal die Sudpfannen standen. Und es erinnert charmant daran, dass Größe allein nicht entscheidend ist.

Ein Segel soll den Klang am Entfleuchen hindern

Durch düstere Keller und gewundene Treppenhäuser, durch feuchte Kühle und stehende Wärme führt der Weg zur Musik. Erst lässt es der DJ sachte wummern, dann spielen die Mini-Musiker sich warm, schließlich ergießt sich die durchgeschwitzte Menge in den anliegenden Konzertsaal. Kerzen flackern am Fuß der Säulen, ein gewaltiges schwarzes Segel über dem Ensemble soll den Klang am Entfleuchen hindern.

Auf den Pulten der 15 Musiker liegt eine Partitur, die es eigentlich gar nicht geben kann. Gustav Mahler hinterließ seine 10. Symphonie unvollendet, große Teile liegen lediglich als Skizzen vor. Doch jene Sphären, in die der Komponist nach seinem Abschied von der Welt nach der Neunten aufbrach, haben magische Reize. Die maltesische Musikerin Michelle Castelletti schuf eine rekonstruierte Fassung der Zehnten für Kammerensemble, die zum Kern der Dinge führt: ans Tor, das sich mit einem Aufschrei in die Moderne öffnet, zu Teufelstänzen, wie sie Schostakowitsch nicht packender hat komponieren können, hinein in die unerreichte zärtliche Radikalität des späten Mahler. Ein ungeheurer Kraftakt, von Gale dirigiert, als müsse er noch weitere 80 Musiker mit Energie aufladen. Selbst der gewaltigste Bogen bleibt hier fragil und unstetes Taktwechseln ein Abenteuer. Das Ensemble Mini glüht für die feine Instrumentation samt Akkordeon, Klavier und Xylophon. Und für eine Musik, die man nicht besitzen, nur teilen kann.

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