Konzertkritik : Mit Sandstimme und neuem Mut

Melisssa Etheridge begeistert im ausverkauften Berliner Astra

H. P. Daniels

Wahnsinnsjubel im ausverkauften Astra, als ein feierliches Brummelintro mit zischelnden Becken einsetzt, sich auf der Bühne die Schattenrisse einer Band abzeichnen, die blondmähnige Melissa Etheridge in Lederhose und Flatterhemd auf die Bühne stürmt, die 12-saitige Ovation-Akustikgitarre im Anschlag, nicht lange fackelt: „Are you ready? One-two-three-four …“ „Fearless Love“ ist der Titelsong des jüngsten Albums. Lange sei sie weg gewesen, sagt die 49-jährige aus Kansas. In Berlin war sie zuletzt vor sechs Jahren. Seitdem hat die taffe Sängerin mit der schmirgeligen Stimme den Brustkrebs mit einer Chemotherapie überwunden. „I’m here now“, sagt sie mit kratzigem Lachen. Mit neuen Songs, neuem Mut, neuem Leben. Schwere dunkle Gitarrenriffs zu „Miss California“. Blues-Rock nannte man das früher. Eine Weile war der Stil verpönt, heute wirkt er frisch. Alles ist klein und bescheiden: keine aufwändige Bühnendekoration, keine Angebermusiker, denen Rockstarposen wichtiger sind als die Musik. Darunter hatte das letzte Konzert gelitten, hatte es zur banalen Rock-Show verunstaltet.

Umso überraschender, wie gut heute alles wieder klingt. Mit jungen Musikern, einem Gitarristen etwa, der sich versteht auf heftige Riffs, geschmackvolle Ornamentierungen und feine Soli. Und dabei auch noch sehr cool aussieht. Hinten ein Keyboarder und eine verlässliche Rhythmusgruppe und im Zentrum die Etheridge mit akustischen und elektrischen Gitarren und sandiger Stimme, die heute so viel besser klingt als damals. Lässig spielt sie mit der Dynamik und dem hingebungsvollen Echo-Gesang ihrer überwiegend weiblichen Fans, für die sie seit ihrem Coming Out 1993 als Ikone der Lesbenbewegung gilt. Balladen, schmackeliger Funk und heftiger Rock, inklusive der großen alten Hits „Bring Me Some Water“ und „Like The Way I Do“ bringen das Haus zum Toben. H. P. Daniels

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