Konzertkritik : Schmerzensmänner

Am Jahrestag des Roskilde-Unglücks: Pearl Jam geben ein emotionales Konzert in Berlin

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Passt aufeinander auf.
Passt aufeinander auf.Foto: DAVIDS

Flaggen zucken aus der Menge empor. Eine polnische, eine griechische, eine mazedonische, eine portugiesische, eine spanische, eine tschechische und eine italienische sind zu erkennen – und zur Abwechslung mal kein einziges Schwarzrotgold. Die einheimischen Besucher scheinen ohnehin in der Minderheit zu sein an diesem wunderbaren Sommerabend in der seit langem ausverkauften Wuhlheide.

Pearl Jam-Fans, die schon mit der legendären Anhängerschaft der Grateful Dead verglichen wurden, sind berühmt für ihre Treue. Viele reisen ihren Idolen hinterher und kennen wirklich jeden Song auswendig. Langeweile kommt nicht auf, denn die Band aus Seattle spielt praktisch jedes Mal ein anderes Set. Da wird selbst ein etwas abwegig erscheinender Opener wie das verhaltene „Long Road“ mit Enthusiasmus begrüßt und mitgesungen. Schon bald hält es im Rund der Freilichtbühne kaum einen der 17 000 Besucher mehr auf den Sitzen.

„Elderly Woman behind the Counter in a Small Town“ bildet den ersten Höhepunkt. Es stammt vom zweiten Album „Vs.“ aus dem Jahr 1993. Eddie Vedder singt darin die Textzeile „I changed by not changing at all“, die auch ganz gut auf ihn und seine vier Mitstreiter zutrifft. Nach bald 20 Jahren im Geschäft und mehr als 60 Millionen verkauften Alben wirken Pearl Jam noch immer wie die grundsolide Rockband von nebenan. Vedder trägt sein braunes Haar weiterhin halb lang und faltet die Hände wie zum Gebet ums Mikrofon. Auf seinem T-Shirt prangt ein Friedenszeichen. Weitere politische Statements macht der engagierte 45-Jährige heute allerdings nicht. Dafür weist er ausführlich darauf hin, dass die Zuschauer aufeinander aufpassen sollen und wie wichtig es ihm ist, dass sich alle sicher fühlen.

Wie jeder hier weiß, kamen vor zehn Jahren beim Pearl-Jam-Auftritt beim dänischen Roskilde-Festival neun Fans im Gedränge ums Leben. Die Band ist davon tief traumatisiert. Es ist der Jahrestag des Unglücks, doch zunächst geht die Gruppe darauf nicht weiter ein. Sie spielt sich mit viel Zug durch ein äußerst knalliges, rockiges Set. Vedder gibt den Shouter und Lead-Gitarrist Mike McCready, der fast nach jedem Song das Instrument wechselt, gniedelt sich genüsslich durch eine Menge Soli. So auch bei „Even flow“ von ihrem epochalen Debütalbum „Ten“, das sie in der Mitte zu einem kakophonischen Jam ausufern lassen.

Das aktuelle, neunte Studioalbum „Backspacer“, das überzeugendste Pearl Jam-Werk der nuller Jahre, ist ebenfalls mit einer ganzen Reihe von Songs vertreten. Mit „The End“ eröffnet Eddie Vedder den Zugabenteil. Nur von seiner akustischen Gitarre begleitet, singt er diese tiefschwarze Vergänglichkeitsballade, bevor die Band zurückkommt und nochmal richtig losballert. Als Überraschungsgast gesellt sich Peter Buck von R.E.M. dazu und haut beim Punkrock-Klassiker „Kick out the Jams“ von MC5 mit in die Saiten.

Es klingt fast wie eine Teufelsaustreibung, doch ihren Dämonen werden Pearl Jam wohl niemals loswerden. Das zeigt sich kurz darauf im zweiten Zugabenteil. Ihren vielleicht schönsten Song, den Tränenzieher „Black“, zelebrieren sie in einer extra langen, extra melancholischen Version. Als die Band fast verstummt, singt Vedder „Here comes the pain again / Here comes the rain again“, bis ihm die Menge schließlich das „Dedededededede“-Motiv abnimmt. Tief bewegt bedankt er sich dafür und wischt sich die Tränen aus den Augen. Gitarrist Stone Gossard legt ihm die Hand auf die Schulter bevor Vedder auf Roskilde zu sprechen kommt. Es sei „der schlimmste Tag in unserem Leben“ gewesen sagt er, und dankt den Familien der Hinterbliebenen, mit denen zusammen die Band versucht habe, die Tragödie zu verarbeiten. Nach einer Schweigeminute während der im Publikum die Feuerzeuge in die Luft gereckt werden, widmen Pearl Jam den Angehörigen das bluesige „Come back“.

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