Konzertkritik : Trockne meine Tränen

Rauchig, rockig, ruppig: Marianne Faithfull gibt ein hervorragendes Konzert in der Zitadelle Spandau.

H. P. Daniels
Gut in Form. Marianne Faithfull bei ihrem Berliner Auftritt. Foto: DAVIDS/Huebner
Gut in Form. Marianne Faithfull bei ihrem Berliner Auftritt. Foto: DAVIDS/HuebnerFoto: DAVIDS/Huebner

„We love you!“ ruft jemand verzückt. „Hmm“, antwortet Marianne Faithfull schmunzelnd. Deutlich ist ihr die Freude anzumerken über die enthusiastische Zuneigung, die ihr auf der Zitadelle entgegenströmt. „I love you, too!“ sagt sie amüsiert, aber auch ein bisschen distanziert. Immer wieder reicht zwischen den Songs jemand einen Blumenstrauß nach oben, die Sängerin im dezenten schwarzen Hosenanzug geht an den Bühnenrand, beugt sich tief nach unten, nimmt die Huldigung entgegen, bedankt sich würdevoll, legt die Blumen behutsam zur Seite.

Vielleicht ist Marianne Faithfull eine der letzten wirklich großen Diven mit Stil. Mit einer feinen Mischung aus aristokratischer Vornehmheit, scheuer Zurückhaltung und offensiver Entschiedenheit singt sie heute vorwiegend Titel von ihrem exquisiten neuen Album „Horses And High Heels“. Rauchige Balladen, Soul, Country, rollender New Orleans-Rhythm & Blues. Mit tiefer brüchiger, aber immer ausdrucksstarker und intonationssicherer Altstimme.

„Prussion Blue“ ist eine wunderbare Liebeserklärung an Faithfulls Wahlheimat Paris, eine hübsche Beschreibung ihres dortigen Alltags. Mit brillanter Instrumentierung, die überaus angenehme Erinnerungen an Bob Dylans „Highway 61 Revisited“-Ära wachruft. Und ein bisschen „Mr. Tambourine Man“. Exzellent verweben sich die Stratocaster-Gitarren des Lucinda-Willams-Sidekicks Doug Pettibone und des ehemaligen MC5-Gitarristen Wayne Kramer mit der Orgel der Multiinstrumentalistin Kate St. John. Und alles wurzelt fest im soliden rhythmischen Fundament des Drummers Martin Barker und des Bassisten Rory McFarlane. Hervorragende Band.

„Back In Baby’s Arms“ von Allain Toussaint hat einen wunderbaren Soul- Groove,und Wayne Kramer rupft ein bemerkenswertes Solo mit einem merkwürdig hochjaulenden Gitarreneffekt. Bei der Ballade „Goin’ Back“ kann sich Faithfulls angekratzte Stimme ohne Weiteres messen an der Originalaufnahme von Dusty Springfield. Pettibone spielt dazu eine feine Countrygitarre. „Broken English“ rockt formidabel.

Kommentare zu den Songs gibt Faithfull in prononciertem Bildungsenglisch, in das sie mit Vergnügen immer wieder ein paar kleine Arbeiterklassenvulgarismen und „F-Wörter“ einstreut. „And this song started the whole damn thing“, sagt sie lachend: „As Tears Go By“ war 1964 ihr erster großer Hit und gleichzeitig der erste Song, den Mick Jagger und Keith Richards gemeinsam komponiert haben. Nachdem Faithfull das Stück die letzten Jahre in einer stark nachgedunkelten, schleppenderen Version interpretiert hatte, singt sie es heute wieder zum originalen Arrangement von einst. Flotter im Tempo und mit näselnder Englischhorn-Begleitung von Kate St. John.

Die hübsche Marianne mit den langen blonden Haaren war das Sexsymbol einer Teenager-Generation und als Freundin von Mick Jagger eine Ikone des Londoner Rock-Jet-Sets. Mit ihrem glockenhellen Sopran hatte sie einige Hits in den 60ern, bis ihr Leben auf tragische Weise auseinanderbrach und sie als Heroinsüchtige auf der Straße lebte. Voller tiefer Emotionen singt sie heute „Sister Morphine“ besser denn je, den Song über höchst schmerzhafte Erfahrungen, den sie einst mit Jagger geschrieben hatte. Die Single wurde 1969 von der Plattenfirma wieder zurückgezogen, weil sich so ein „Drogensong“ nicht ziemte für eine junge Frau. Die Rolling Stones konnten das Stück später ohne Probleme veröffentlichen.

Marianne Faithfull hätte schon längst aufgehört mit Konzerten und Plattenaufnahmen, erklärte sie kürzlich in einem Interview. Doch da sie nicht genügend Geld habe und mit 70 Jahren nicht mittellos dastehen wolle, müsse sie eben auch als 65-Jährige und darüber hinaus noch weitermachen. Dass es reicht fürs Alter. Damit ist sie in einer ähnlichen Lage wie Leonard Cohen, den seine Managerin um sein Vermögen betrogen hat, und der deswegen auch als 76-Jähriger noch auftritt. Gemeinsam ist Cohen und Faithfull ebenfalls, dass beide nie besser waren in ihrer Kunst, ihrem Gesang und dem überwältigenden emotionsgeladenen Ausdruck als im fortgeschrittenen Alter. Selbstverständlich wünscht man ihnen, dass sie ihre Rente bald zusammen haben. Aber als Verehrer ihrer Musik hofft man lieber auf weitere Alben und derart herausragende Konzerte.

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