Konzertprojekt "Cosmic Lights" : Der Kosmos antwortet nicht

Neue Qualitätssphären: Ein schwereloser Abend mit dem Rundfunkchor unter seinem neuen Chefdirigenten Gijs Leenaars

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Gijs Leenaars, Leiter des Berliner Rundfunkchors, fotografiert vor dem Kino Kosmos in der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Foto: Thilo Rückeis
Gijs Leenaars, Leiter des Berliner Rundfunkchors, fotografiert vor dem Kino Kosmos in der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte.Foto: Thilo Rückeis

Wenn sich ein Chor, ein Orchester und das zahlreich versammelte Publikum auf eine Reise in den Kosmos begeben, dann sind eingeübte Konzertrituale erst einmal über Bord zu werfen. Nicht allen fällt es dabei auf Anhieb leicht, sich an die Schwerelosigkeit zu gewöhnen, die durch den Ausbau sämtlicher Sitzgelegenheiten simuliert wird. Unweigerlich denkt man an Juri Gagarin und seinen durch Heiner Müller an die Theaterwelt übermittelten Ausspruch von der Dunkelheit des Weltraums. Auf dem schwarzen Steinboden des ehemaligen Kino Kosmos kauernd, klingt er plötzlich so: Kalt, genossen, ist der Weltraum, arschkalt.

Der Rundfunkchor Berlin unter seinem neuen Chefdirigenten Gijs Leenaars hat zum Konzertprojekt „Cosmic Lights“ geladen, Projektoren werfen fauchend Gestirne auf Leinwände, ein bläuliches Licht entrückt den ehemals futuristischen Kosmos-Raum konsequent der Gegenwart. Und die Zeit verliert ihr mühsam behauptetes Kontinuum. „War hier die Feier zur Jugendweihe oder im International?“, hört man es flüstern. Vielleicht gelingt das Experiment ja und es kommt tatsächlich ein anderes Publikum hierher als jenes, das seine Hausschuhe ohnehin in der Philharmonie deponiert hat.

Gespannte Aufmerksamkeit ja, kuscheln nein.

Aus dem technischen Grundrauschen löst sich langsam der Streicherchoral, mit dem Charles Ives den Kosmos für „The Unanswered Question“ auskleidet. Die Mitglieder des in Gruppen im Raum verteilten Deutschen Symphonie-Orchesters halten konzentriert gegen die trockene Raumakustik zusammen. Der dem Menschen feindliche Kosmos macht auch für Musiker keine Ausnahme. Die hier von der Empore herab purzelnden Fragen der Trompete könnten prosaischer nicht ausfallen. Beinahe regt sich beim Zuhörer Verständnis dafür, dass der Kosmos darauf einfach nicht antworten mag.

Dann hat der Chor seinen Auftritt mit dem a-cappella-Werk „Sun Dogs“ des schottischen Komponisten und Laienbruders James MacMillan. Es kreist um die Nebensonnen, Lichtphänomene am Himmel, denen übernatürliche und – siehe, oder besser: höre Schuberts „Winterreise“ – nicht gerade positive Auswirkungen auf den Menschen nachgesagt werden. Gijs Leenaars und sein Rundfunkchor entdecken hier feinste Differenzierungen und lassen den „Sun Dogs“ ihre beunruhigende Fremdheit: gespannte Aufmerksamkeit ja, kuscheln nein.

Wagner-Walküren, Morricones Western-Vokalisen, James-Bond-Akkorde.

Leider kollabiert dieses Spannungsfeld mit den ersten Takten des Finales von Orchester, Chor und Projektoren. Die multimediale Sinfonie „Nordic Lights“ des Letten Eriks Esenvalds lässt per Video Ethnien zu Wort kommen, die unter dem Polarlicht leben. Es könne seine Betrachter den Kopf kosten, betonen sie immer wieder. Wir wissen nicht, was genau Esenvalds bei seinen Recherchen zugestoßen ist. Seine Komposition aber durchziehen Tauwässer von Wagner-Walküren, Morricones Western-Vokalisen und verworfene James-Bond-Akkorde. Doch das liest sich jetzt viel zu aufregend. Schreiben wir es so: Rundfunkchor wie DSO schweben schlicht in anderen Qualitätssphären. Dem Himmel sei Dank!

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