Konzertsäle in München : Saalschlacht mit Maestro

In München ist die ungeliebte Idee der Gasteig-Sanierung für zwei Orchester begraben worden. Nun stellt sich wieder von vorn die Frage, ob es jemals einen neuen Konzertsaal geben wird. Mariss Jansons glaubt daran – und bleibt an der Isar.

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Soll bald renoviert werden: der Konzertsaaal im Müncher Gasteig.
Soll bald renoviert werden: der Konzertsaaal im Müncher Gasteig.Foto: dpa

Der Plan sollte den Durchbruch bringen im Münchner Endlos-Konzertsaalstreit. Er erhielt den hübschen Namen „Zwillingslösung“, und vor allem Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) waren zufrieden mit dem Abkommen, das sie Ende Januar vereinbart hatten: Die anstehende Sanierung der städtischen Philharmonie im Gasteig sollte verbunden werden mit der Forderung nach einem dringend benötigten zweiten großen Konzertsaal für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR) und die Münchner Philharmoniker – beides Klangkörper von Weltbedeutung. Die Ensembles sollten sich dann zwillingsgleich den neuen top-sanierten Gasteig teilen. Reiter und Seehofer sahen sich in einer Win-Win-Situation: Der eine hätte vom Land Zuschüsse für die Gasteig-Sanierung bekommen, der andere einen womöglich recht günstigen „neuen“ Saal.

Auch Oberbürgermeister Reiter erklärt das Projekt für gescheitert

Doch es kam anders, und nun ist der Zwillingsplan offiziell beerdigt, nachdem schließlich auch OB Reiter, später als Seehofer, davon abrückt. „Selbst nach einer aufwändigen Sanierung würde eine derartige Nutzung keine Vorteile bedeuten“, sagt er. Vorangegangen war ein ungeahnt heftiger Sturm der Wut und Entrüstung von Künstlern, Klassik-Liebhabern und sonstigem Bildungsbürgertum. Man wollte eigentlich zwei große Säle, hätte aber während des jahrelangen auch architektonisch hoch riskanten Umbaus gar keinen gehabt – und am Ende einen sanierten. Die Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter, die in München lebt, sprach von „Wortbruch“. Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, äußerte deutlich seinen Unmut, ein zweiter Konzertsaal ist ihm seit vielen Jahren eine Herzensangelegenheit. Und BR-Intendant Ulrich Wilhelm legte sich offen mit der Staatsregierung an, was für den einstigen Berliner Regierungssprecher und CSU-Politiker keine Kleinigkeit ist.

Seehofer war über den Widerstand sichtlich enttäuscht und beleidigt, Reiter sprachlos. Ein Gutachten der auf den Kulturbereich spezialisierten Unternehmensberatung Actori von Ende April ergab, dass die „Zwillingsnutzung“ nichts taugt. Das ständige Hin und Her zweier Orchester, die als Ausweichquartier noch den deutlich kleineren Herkulessaal in der Münchner Residenz nutzen sollten, würde erhebliche Transportkosten verursachen. Die Planungsflexibilität sei stark eingeschränkt, die Nutzung würde zu „Qualitätsverlust oder gar dem Ausfall von Konzertprojekten“ führen, so die Berater. Man hätte weniger Abonnentenplätze zur Verfügung als derzeit, Konzerte von privaten Veranstaltern mit bedeutenden Musikern und Dirigenten würden erschwert. Außerdem: Nahezu alle weltweit führenden Orchester verfügten über einen eigenen Konzertsaal, was für diese sehr wichtig sei. Es gebe bisher kein Vorbild für eine Zwillingsnutzung.

Mal schlecht gelegen, mal blöd geschnitten – die Suche nach einem Ort für einen Neubau gestaltet sich schwierig

Seehofer und sein Kunstminister Siegfried Spaenle haben sich nun weitgehend aus der Diskussion zurückgezogen und reagieren nur noch gereizt auf das Thema. Reiter meint kühl, dass es jetzt um die Sanierung des Gasteigs durch die Stadt gehe, vor allem die angeblich schlechte Akustik der Philharmonie wird immer wieder angeprangert. Wolle der Freistaat einen weiteren Saal in München bauen, so Reiter, stehe die Stadt „gerne für planerische Unterstützung bereit“.

Womit nun alles wieder zurück auf Null gedreht ist und die Fantasien erneut sprießen. Aus der Staatsregierung heißt es weiterhin allgemein, dass Seehofer zu seiner einstigen Zusage stehe, einen neuen Konzertsaal zu errichten. Arbeitsgruppen des Kunstministeriums haben schon 2011 unter der Ägide eines FDP-Ministers 38 mögliche Standorte im gesamten Stadtgebiet untersucht – vom Circus Krone über das Justizzentrum, das abgerissen wird, bis zu einem Seitenflügel des Hauptbahnhofs. Irgendeinen Haken gab es fast überall. Mal wurde die Verkehrsanbindung als nicht ideal angesehen, mal hatte das Grundstück einen ungeeigneten Zuschnitt, mal sprachen Denkmal- oder Landschaftsschutz dagegen.

Einige Wochen lang war nun der so genannte Finanzgarten hinter dem Odeonsplatz ein heißer Favorit. Nun aber zeigen sich viele von einem anderen Vorschlag begeistert, den ursprünglich die in Bayern kaum mehr vorhandene FDP gemacht hat: Der Saal könnte im Olympia-Park entstehen an der Stelle der jetzigen Eissporthalle und gegenüber der BMW-Welt, wenn denn die Halle abgerissen ist. Ungeklärt scheint dabei die Frage: Welches Verfallsdatum hat dieser Standort eigentlich.

Die Hoffnung klingt zuletzt

Einer glaubt jedenfalls daran, dass in München doch noch ein neuer Konzertsaal gebaut wird: Gestern hat Mariss Jansons seinen Vertrag bei den BR-Symphonikern bis 2021 verlängert. Er war auch als einer der Favoriten für die Berliner Philharmoniker gehandelt worden, die am Montag bestimmen wollen, wer 2018 auf Simon Rattle folgen soll (siehe „Rattles Erben“ auf dieser Seite). Jansons hat sich nun – für viele überraschend – zunächst für München entschieden. Das ist auch ein klares Signal, dass er seinen Traum vom eigenen Konzertsaal nicht aufgibt. Ob er seine Verlängerung an belastbare Zusagen geknüpft hat, wird das nächste Kapitel der Münchner Saal- Schlacht zeigen.

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