Koolhaas entwirft Niederländische Botschaft in Berlin : Das gläserne Labyrinth

In der neuen Niederländischen Botschaft Berlin stellt Rem Koolhaas die Architektur auf den Kopf

Bernhard Schulz

Die niederländischen Nachbarn, so lässt ihre gegenwärtige Architektur vermuten, sind Anhänger der Spaßkultur. Alles ist witzig, bunt oder zumindest doch auffällig. Und wer es bis dahin nicht wusste, konnte es vor drei Jahren bei der Expo 2000 in Hannover erleben. Dort staunte alle Welt über den niederländischen Pavillon: eine vertikal aufgeschichtete Landschaft. Das sechsfach gestapelte Holland des Architektentrios MVRDV heimste den größten Publikumszuspruch der Expo ein.

Ob der Neubau der niederländischen Botschaft in Berlin ein ähnlicher Erfolg sein wird, ist indessen nicht so sicher. Auch wenn die am „Steinernen Berlin“ Ermüdeten den Bau bereits feiern wie ein achtes Weltwunder. Das von Rem Koolhaas entworfene Gebäude an der Klosterstraße mit Blick auf die Spree weist nämlich bemerkenswerte Ähnlichkeiten zum Pavillon der Expo auf: die Aufstapelung verschiedener Ebenen anstelle von getrennten Etagen, die Betonung „fließender“ Bewegungsabläufe im Auf- und Absteigen und die optische Zurückdrängung der Konstruktion.

Die Ausstellung „Content. Rem Koolhaas OMA AMO – Bauten, Konzepte und Projekte seit 1996“ (Tagesspiegel vom 15. November) sollte das theoretische Unterfutter liefern für den konkreten Botschaftsneubau, dessen Eröffnung sich nun allerdings bis in den März verschiebt. Das ist bedauerlich. Denn die gleichzeitige Besichtigung der Ideenschau in der Neuen Nationalgalerie sowie des Botschaftsneubaus hätte einen Vergleich zwischen Vision und Realität ermöglicht.

Koolhaas hatte in Berlin bisher nur ein einziges Gebäude entworfen: in der Friedrichstraße unmittelbar hinter dem Checkpoint Charlie. Es war damals, 1978, die IBA, die sich an dieser innerstädtischen Randlage abmühte. Koolhaas wollte ein dezidiert urbanes Gebäude errichten, mit Apartments oben und Pavillons der Grenzabfertigung unten, dazu einem auskragenden Flugdach – ein Stationshaus für urbane Nomaden.

Danach hätte in den Jahren 1990/91 die große Berliner Stunde des Vordenkers des „Delirious New York“ (1978) schlagen können, als die Zukunftsentwürfe Berlins erdacht oder bisweilen auch nur gesponnen wurden. Koolhaas, in die Jury zum städtebaulichen Wettbewerb zum Potsdamer uind Leipziger Platz berufen, schmiss verärgert hin, als er die Kräfteverhältnisse um Senatsbaudirektor Hans Stimmann erkannte. In einem Brief an den Berliner Senat malte er seine Schreckensvorstellung des künftigen Berlin als „kleinbürgerliches, altmodisches, reaktionäres, unrealistisches, banales, provinzielles und vor allem dilettantisches Bild der Stadt“. Sein unter der Überschrift „Massakrierte Ideen“ veröffentlichter Protest brachte es mit sich, dass Koolhaas an der Spree keinen Fuß mehr in die Tür bekam. Erst die niederländische Regierung verschaffte seinem Rotterdamer „Office for Metropoliten Architecture“ (OMA) 1997 einen Auftrag – im Zentrum Berlins.

Immerhin verweist die Adresse der Botschaft auf die Keimzelle Berlins, von der die brachialen Straßendurchbrüche der DDR- Zeit freilich kaum eine Spur mehr übrig gelassen haben. Heute ist die Gegend um Kloster- und Stralauer Straße alles andere als die urbane Laufgegend, wie sie sich Koolhaas am Potsdamer Platz erhofft haben mag. Hier muss ein Gebäude auffallen, um wahrgenommen zu werden. Des Nachts gelingt das spielend: Da leuchtet der Glaswürfel in Weiß, Grün und Orange über die ruhige Spree hinweg. Tagsüber sieht der Betrachter ein verglastes Gebäude, vertikal von durchlaufenden Aluminiumprofilen gegliedert, das sich auf den ersten Blick kaum von anderen Glashäusern der Gegenwart unterscheidet. Erst beim zweiten Blick fallen die merkwürdigen Unterbrechungen und Überlagerungen am Würfel ins Auge.

Koolhaas’ Gebäude ist von der autoreichen Stralauer Straße nicht auszumachen. Die Schaufassade wendet sich zur Spree. Es besteht aus zwei Teilen, einem inneren, verglasten Würfel auf 17 mal 17 Metern Grundfläche und einem durch fünf schmale Brücken mit ihm verbundenen, winkelförmigen und teils nur handtuchschmalen Zusatzbau. Hier befinden sich Apartments hinter blickschützenden Lochblechen. Dieser Winkelbau fängt die Brandwände der Nachbarhäuser ab – eines ist noch nicht errichtet – und gibt dem Würfel seine Solitärstellung. An einer Stelle wird das Mantelbauwerk durchbrochen, um den Besuchern des Hauptgebäudes den Blick auf den Fernsehturm zu ermöglichen, gerahmt wie ein Bild.

Die über die Treppe des Haupthauses auf- und absteigenden Personen sind die eigentlichen Adressaten der Koolhaasschen Raumschöpfung. Was der 1944 geborene Vertreter des städtischen Unterwegsseins hier inszeniert, ist: Bewegung. Ein „Trajekt“ nennt er seinen endlos scheinenden, vielfach geknickten und in der Steigung variierenden Gang. Er windet sich vom Eingang bis in die höchste Höhe des Gebäudes, das sich zudem durch ein auffaltbares Dach gewissermaßen ins Unendliche fortsetzen lässt. Ganz oben liegen Fitnessraum und Cafeteria. Der um die 200 Meter lange Trajekt, zumeist aluminiumumkleidet, schlängelt sich mal an der Außenseite des Gebäudes entlang und mal versetzt im Inneren, mal schräg ansteigend, mal über ein paar Treppenstufen, vorbei an dunkel hölzernen Türen, an Glasflächen, die den Blick von der Seite, von oben oder von unten in Büros und Sitzungsräume freigeben. Als ob M.C. Eschers endlos auf- und zugleich absteigende Treppen Pate gestanden hätten.

Dort, wo der Gang nicht genug Platz findet innerhalb der Geometrie des Würfels, steigt er über eine ganze Seitenlänge außen an ihm empor, und der Benutzer schaut durch leuchtend grünes Sicherheitsglas in die Tiefe. Da gibt’s nur nichts Sehenswertes zu entdecken. Auch der Innenhof, der zugleich eine geschützte Vorfahrt für Botschaftsgäste bildet, ist asphaltiert wie ein schlichter Supermarkt-Parkplatz. Ferner durchbricht das Konferenz- und Esszimmer des Botschafters die Gebäudehülle, kragt hervor wie eines dieser Schubkastenzimmer, die seit seinem Amsterdamer Wohnblock zum Markenzeichen des Büros MVRDV geworden sind. In Berlin heißt das nun „Skybox“ und wird, auch wenn Holland das Land ohne Wohnzimmergardinen ist, ob seiner schwebenden Transparenz wohl manche Gäste irritieren.

Wie viele Geschosse das Haus hat, lässt der Architekt im Ungefähren. Er spricht von „20 bis 25“. Am Gebäudeäußeren sind sie nicht abzulesen, da sind je nach Fassadenseite sechs bis acht Geschosse zu zählen. Die Fenster sind grundsätzlich bis zum Boden herabgezogen; „Das Drama der Stadt“ möge ins Haus eindringen, erläutert Koolhaas, und man erinnert sich gerührt an entsprechende Parolen der seligen Futuristen. Das Spiel mit der Transparenz, die einerseits mit der durchgehenden Verglasung behauptet wird – so dass die Botschaftsbediensteten bereits um etwas mehr Abschottung nachgesucht haben sollen –, andererseits im labyrinthisch verschachtelten Inneren verweigert wird, macht den Reiz des Hauses aus.

Ob es nur an der Ausführungsqualität liegt, dass der Bau im Inneren bisweilen etwas zusammengeschustert wirkt? Doch wohl nicht. Denn die brüske Mixtur der Materialien, die Verweigerung jener Illusion, wie sie Wand- oder Deckenverkleidungen offerieren, ist Programm. Da reichen Holzpaneele nicht ganz bis zur Decke, sondern lassen die dahinter liegende Betonwand samt Klimaanlage hervorlugen. Überhaupt wird nicht viel Federlesens um die Installationen gemacht, die ihren Teil zum visuellen Durcheinander beitragen.

Das Gebäude ist ein Solitär – mithin keines, das als Vorbild städtischen Bauens taugt. Darin unterscheidet sich Rem Koolhaas’ gestalterischer Kraftakt von der Mehrzahl der Bauten, mit denen niederländische Architekten seit Jahren überraschen. Denn in Holland selbst geht es um die Lösung des Problems, wie auf knappem Raum Wohnen und Arbeiten für breite Bevölkerungsschichten gestaltet werden können. Vorzeigeprojekte sind da etwa die Wohnblöcke und Reihenhäuser auf den umgenutzten Hafeninseln von Amsterdam, die Individualität innerhalb städtischer Dichte erproben. Aus dieser Perspektive ist Koolhaas’ Botschaft die falsche Botschaft.

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