Kultur : Kopf, Herz und Handel

Dieter Brusberg zum 70. Geburtstag

Hermann Rudolph

Es kommt selten vor, dass ein Kunsthändler sich auch mit seinen Texten einprägt. Dieser gibt ihnen Tempo wie der Reiter dem Pferd auf dem Parcours, flößt ihnen etwas Drängendes ein, wagt kraftvolle Positionen, poetisches Expressivo, freimütige Konfessionen. Dabei spricht Kunst doch am besten für sich selber, und natürlich teilt auch Dieter Brusberg sich am besten durch seine Bilder mit. Aber in aller Sensitivität des Sehens und in seinem ästhetischen Spürsinn zeichnet er sich aus durch eine hohe Bewusstheit von dem, was er tut und will. Er ist ein Galerist, ein Händler, der sein Geschäft als Beitrag zur Kultur begreift – das Wort in einem sehr weiten Sinn verstanden.

Eine Figur von prägnanter Statur in der Kunstszene ist Brusberg ohnedies. Das ergibt sich so, wenn man seit über zwanzig Jahren von dem repräsentativen Eckhaus am Kurfürstendamm aus, in dem sich seine Galerie befindet, der Stadt Impulse zu geben versucht. Brusberg hat in dieser Zeit – zu der fast ebenso viele Hannoversche Jahre gehören – die klassische Moderne in seiner eigenen, unverwechselbaren Weise gepflegt, mit „Hausgöttern“ vom Range Max Ernsts und Henri Matisses, mit ersten Berliner Künstlern wie Werner Heldt, Walter Stöhrer und Rolf Szymanski, mit sorgsam ausgewählten jungen Künstlern. Nicht zuletzt hat er den Blick auf die DDR-Kunst gerichtet, auch dies in einer eigenen, kritischen Sichtweise. „Zeitvergleich“ hieß die Ausstellung, mit der er 1982 ein Tor aufstieß.

Aber damit ist der Platz, den er einnimmt, noch nicht wirklich bestimmt. Brusberg ist, natürlich, ein Parteigänger des großen Aufbruchs in der Kunst, der sie frei machte von der traditionalistischen Formensprache. Aber sein Verhältnis zur Moderne ist gebrochen, seine Abneigung gegen ihr Aufgehen in Manier und Sensation festgegründet. Kunst, so sein Diktum, „muss dem Zeitgeist abgetrotzt werden“. Gegen dessen Herrschaft setzt er einen selbstbewussten, widerständigen Glauben an die Qualität des Werkes, die Geltung von Maßstäben, den überzeugenden „Ton“ eines Kunstwollens.

Ein Anhänger der Moderne, mit konservativem Einschlag? Jedenfalls einer, der, in figura gesprochen, Altenbourg wie Bernhard Heisig ins Herz schließen kann, dem versponnenen ostdeutschen Poeten – dem er im Westen die entscheidende Gasse geschlagen hat – wie dem an Deutschland leidenden Rebellen. Überhaupt hat Brusberg seinen eigenen Charme. Da gibt es einen unerschöpflichen Enthusiasmus, etwas Sprühendes, Heiteres und Beflügeltes, mit dem er Künstler und Kunstfreunde umgarnt. Da gibt es, andererseits, eine unprätentiöse Ernsthaftigkeit, die in weit gespannten Konfigurationen und Kollektionen denkt, sammelt und präsentiert. Es gibt den Connaisseur und den Kaufmann – und eine Mischung von Liebenswürdigkeit und Leidenschaft, die das alles verbindet.

Es gehört zu Brusberg, dass seine Auffassung der Rolle der Kunst untrennbar verbunden ist mit der Anteilnahme an der Kultur und am politischen Leben. Deshalb kam der Hannoveraner 1982 nicht nur nach Berlin, sondern – O-Ton Brusberg – „warf sein Herz über die Mauer“, das Anregende und das Ausgesetzte an der Stadt im Sinn. Deshalb seine Bemühungen, mit thematischen Ausstellungen und Gesprächsrunden, mit Editionen und Dokumentationen – inhaltlich stets sorgfältig abgeschmeckt und vorzüglich gedruckt – ein Kraftfeld eigener Prägung zu erzeugen. Deshalb reibt er sich am Zustand der Stadt – ein bürgerlicher Charakter, der eine prägnante Auffassung davon hat, dass Kunst, Gesellschaft und bürgerliches Leben zusammengehören. Der Bildungsbürger als Citoyen, der sich durch erfolgreiche Arbeit und intellektuelle Gewissenhaftigkeit legitimiert.

Vor zwei Jahren hat Brusberg gedroht, sich aus seiner Galerie zurückzuziehen. Gott sei Dank merkt man nicht viel davon. Denn dieser Berliner aus Hannover, Heide-Haus und Hannover 96-Treue inklusive, ist ein wichtiger Kopf dieser Stadt, die mit sich selber ringt. In dieser Woche ist er siebzig Jahre alt geworden.

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