Kultur : Kopf-Künstler, Körper-Fetischist

Rolf Michaelis

John gibt Gas Neumeier steht auf der Bremse. Der am 24. Februar 1942 als Sohn eines Kapitäns in Milwaukee geborene Tänzer, Choreograph, Ballett-Direktor, John, begeistert sich für Musik und Themen seiner Zeit. Der Enkel eines Großvaters aus Deutschland, Sohn einer Mutter aus Polen, Neumeier, hängt mit Hirn und Herz, Bildung und Gefühl, an der Alten Welt, bis in die archaischen Fernen von Mythos, Legende, Bibel. John & Neumeier: Kommt nicht aus solcher Zerrissenheit alle Kraft dieses Kopf-Künstlers, der ein Körper-Fetischist ist? Hohe Abstraktion und deftiger (immer dezenter) Realismus einer Sinnlichkeit, die vor sich selber zu erschrecken scheint?

Natürlich leben J & N in einem Körper und Kopf, spannungsvoll, zusammen. Es gibt, bei über 120 Werken in vierzig Choreographen-Jahren, kein Werk, in dem eine Seele in der Brust dieses Tanz-Meisters die andere überwältigt hätte. Glanz und Elend zugleich. Immer öfter wiederholen sich Zeichen, mit denen er die Szene prägt. Immer wieder der einsame Mann als Zentral-Gestalt. Weniger Jedermann als Leidensmann Jesus im banalen Alltag. Männer ("Jünger") nehmen ihn schon einmal in die Arme; Frauen verstehen ihn nicht. Die Erlösung durch den Gegen-Pol Weib (Maria) wie bei Richard Wagner, bleibt diesen Außenseitern versagt. Dass die Märtyrer der Einsamkeit immer öfter im grauen Mantel des Anti-Mephistopheles über die Bühne hetzen, treibt keine neue Kraft auf die Bühne, weder für Bild oder Gesten, noch für Tanz-Bewegungen.

Auch das einmal neue Vokabular der bewusst - wenn nicht hässlichen, so doch wenig graziösen, sperrigen Hand- und Fuß-Haltung, entgegen jeder Konvention, wie sie der Tanzbarbar Nijinskij vor fast einem Jahrhundert ins Körper-Alphabet eingeführt hat, sind bei Neumeier zum Zitat verkommen.

Dabei kann auch der Choreograph Neumeier von verführerischer Kraft sein. Hat er je Schöneres geschaffen als "Othello" mit Gamal Gouda und der unvergesslich "kindlichen", todesreifen Gigi Hyatt. Wie lebendig "Cinderella"! Hat er ein dramaturgisches Gegenüber, kann dieser Choreograph über sich hinauswachsen. Wenn er sich, wie beim Zyklus der Mahler-Symphonien, in die Ton-Fluten wirft, einmal wirklich in ein Planschbecken für halbnackte Männer, droht Kitsch. Gleichwohl, über Jahre hin: überwältigend die strenge Kraft der Verwandlung von Mahlers "Dritter Sinfonie" in ein Tanz-Drama von Männern. Wenn am Ende, in bedrückender Langsamkeit, die Zuschauer verzaubernd, die Primaballerina am Bühnenrand, ganz vorn, vorüberschreitet, ist auch dies ein Zeichen für Neumeiers Choreographie: die Frau als Girlande.

Unglaubliche Tänzerinnen haben wir kennengelernt: Bettina Beckmann, Gigi Hyatt, Heather Jurgensen, Anna Polikarpova. Doch kreativ wird Neumeier, wenn er autobiographisch denken kann. Deshalb denkt man weniger an seine Primaballerina vieler Jahre, die bis zur Eiseskälte perfekte Lynn Charles, sondern an Tänzer, die Glut zwischen Bühne und Zuschauer-Raum entfachen: Kevin Haigen, Ivan Liska, Lloyd Riggins, Ivan Urban, die Zwillinge Bubenicek.

Der scheinbar sanfte Mann, der morgen 60 Jahre als wird, der Tanz-Tyrann, hat Hamburg zu einer Metropole des Balletts gemacht. Perfekt wird hier stets getanzt - dank einer Tanz-Schule, die Neumeiers Namen trägt. Seit Gründgens hat kein Künstler die wenig musische Stadt so verwandelt wie dieser besessene Arbeiter.

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