Kultur : Kopf oder Nuss

Start der Europa-Tour mit Weltmeistern: die Rolling Stones in Mailand

Helmut Heimann

Die Schlagzeilen der italienischen Zeitungen am Tag nach dem WM-Finale waren riesig – die Begeisterung der Menschen allerdings eher gedämpft. In Mailand zumindest, wo nur wenig Rot-Weiß-Grün zu sehen war.

„It’s okay“, kommentiert der Taxifahrer recht gelassen. Erst als er erfährt, dass man wegen der Europa-Premiere der Rolling-Stones angereist ist, gerät er in Wallung: „Rolling Stones always in Italy when Italy Champion!“, bringt er Fußball- und Rockhistorie in Zusammenhang. Er bezieht sich auf das Jahr 1982, damals hat er die Stones auch gesehen. Diesmal nicht: „Ticket molto expensive“.

Tatsächlich ist das Mailänder San- Siro-Stadion am Dienstagabend nicht ganz ausverkauft, aber doch sehr gut gefüllt. Die Stimmung unter den Stones-Tifosi ist prächtig – und deutlich Fußball-lastig: La Ola rollt, Schlachtgesänge erschallen, hauptsächlich ein „O-O-O-O“ auf der Melodie von „7 Nation Army“, einem Song der White Stripes, der sich offenbar zur italienischen Fan- Hymne entwickelt hat. Fahnen werden wild geschwenkt. Als die Stones-Party kurz nach 21 Uhr angepfiffen wird mit kräftigen Big-Bang-Explosion, kennt die Begeisterung im Stadion kein Halten mehr. Mick Jagger begrüßt das Publikum: „Ciao Milano, Ciao Italia ! Gratulazione !“

Die Stones zeigen sich in blendender Verfassung. Keith Richards, dessen inzwischen legendärer Palmensturz Mailand und den Italienern ja erst die europäische Tour-Premiere beschert hat, wird besonders gefeiert, mit aufblasbaren Palmenbäumchen und einem riesigen Transparent, hinter dem offenbar ein neuer Fanclub steckt, die „Coconut Klimbers“. Eine italienisch gesungene Fassung von „As Tears Go By“ lässt die Fans völlig ins Rasen geraten und wird mit mehr White-Stripes- Chören gefeiert. Raritäten in der Setlist (abgesehen von dem Ray-Charles-Song „The Night Time is the Right Time“) sind dünn gesät, aber das stört hier niemanden. Für eine ausgewachsene Bluesrock- Ekstase tut’s ein kraftstrotzender „Midnight Rambler“ allemal.

Als die Band nach gut zwei Stunden für die Pause vor der Verlängerung von der Bühne verschwindet, sind auf der Video- wand plötzlich Szenen aus dem WM-Finale von Berlin zu sehen: das Tor, die Elfer (natürlich nur die italienischen). Die Stones kommen zurück mit „You Can’t Always Get What You Want“. Sagt das lieber den Franzosen. Und am Ende von „Satisfaction“ stehen plötzlich zwei Fremde in einer Reihe mit den vier Stones. Alessandro del Piero erkennt man natürlich, wegen seiner Glatze, aber wer ist der andere? Materazzi? Der Mann von Inter Mailand, dessen Name für alle Fußballewigkeit verbunden sein wird mit der Provokation des unwürdigen Abschieds des großen Zinedine Zidane?

Er ist es wirklich, Materazzi wagt es. Und Mick Jagger macht einen Witz, von wegen: Was haben Keith und Materazzi gemeinsam? Ein Problem mit dem Kopf. Gerüchteweise hat sich der Stones-Gitarrist nicht beim Sturz von einer Palme verletzt, sondern bei dem Versuch, mit einer Kokosnuss Kopfball zu spielen.

Man würde gerne buhen, aber jetzt fängt Materazzi auch noch an zu singen. Was wohl. Ob Jack White Tantiemen dafür einsteckt? In San Siro immerhin haben die in die Jahre gekommenen Helden gesiegt. Ob auch der Rest der Bigger- Bang-Tour ein Triumphzug wird, wird sich zeigen. Am 21. Juli im, ach ja, Berliner Olympiastadion.

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