Kultur : Kopf oder Wahl

Menschen am Sonntag: Lach- und Sachgeschichten zum Tag der Entscheidung

chp

Das Kreuz bei der Kreuzfahrt ist die Kabine: Was soll man bloß wählen? Innenkabine? Außenkabine? Zweibettkabine? Auch beim Wählen ist die Krux die Kabine: Wer nicht drinsteht, macht seine Kreuze umsonst – erst mit der Kabine drumrum ist die Stimme auch gültig.

Die Wahlkabine, Keimzelle der Demokratie, ist eine Stellwand aus Pappe, Holz oder Metall, die Farbe meist grau, der Vorhang fakultativ. Unten gucken die Füße raus und die Stempel vom Stuhl, eine provisorische Behausung für den Volkssouverän, Heimstatt für die vornehmste Heimlichkeit des Bürgers. Denn der Volkssouverän ist nur dann souverän, wenn er mutterseelenallein ist. Die Kabine garantiert 100 Sekunden Einsamkeit. Wer wegen letzter Wahlempfehlungen unbedingt telefonieren muss, riskiert den Rausschmiss, also bitte ganz leise, damit keiner was merkt. Es ist wie in der Kabine vor der Untersuchung beim Arzt, wie bei der Qual der Wahl in der Umkleidekabine des Kleidergeschäfts: ein schöner, schrecklicher Moment der ultimativen Intimität. Erst in der Kabine, diesem Ort der Erwartung, des Zögerns, des Zweifelns, der Entscheidung, ist der Mensch ganz bei sich. Tiere haben keine Kabinen. Im Internet kann man faltbare Wahlzellen für Zuhause bestellen. Sie kosten 70 Euro.

Zum Schlussakt am Wahltag passt der alte Theaterkritikerwitz: Der Theaterkritiker nimmt Platz im Parkett. Das Licht geht aus. Der Vorhang hebt sich. Der Theaterkritiker sagt: Schon schlecht! Oder, wie es in einer anderen Überlieferung heißt: Schon Scheiße! R. S.

Nein, wir Alteuropäer bleiben entschiedenermaßen bei Schreibgriffel und papierenem Wahlzettel! Wir verweigern uns der irren Tendenz zur Auflösung des Tintenflusses, der Graphitzeichen in ätherisches Elektronengeflacker wie bei unseren amerikanischen Freunden, die immer öfter nur noch per Computer ihre Bürgerpflicht besorgen dürfen. Mag der Unterschied vor allem ein psychologischer sein – auf ihn kommt es an: Der elektronische Wahlzettel ist die perfekte Projektionsfläche für Verschwörungtheorien. Ist er virensicher? Absturzsicher? Hackerfest? Wenn ja, wer würde das wirklich glauben? Wohl nur die Softwarefirma. Der gute alte Wahlzettel hingegen ist ganz Materie, er ist schriftgewordener Volkswille, nachzählbar, archivierbar, praktisch, kurz: Er ist symbolpolitisch korrekt. Es würde sich ja auch niemand, wenn das möglich wäre, beim Abendmahl den Leib des Herrn auf CD aushändigen lassen, zum Ausdrucken zu Hause. mel

Ihre ganz private Zweitstimmen-Kampagne hat Angela Merkel Ende Juli in der „FAZ“ gestartet: Zunächst verlieh sie ihrem Bedauern darüber Ausdruck, dass es den Deutschen an der Kenntnis von vierten Gedichtstrophen mangele, und verriet dann, sie jedenfalls könne heute noch die zweite Stimme zu „Wenn alle Brünnlein fließen“ singen. Sollte es mit dem Wechsel klappen, wird Frau Merkel im Regierungschor allerdings künftig den Sopranpart übernehmen, jene Stimme also, die stets die Hauptmelodie vorgibt. „Dux“ nennen das die Musikwissenschaftler, im Gegensatz zum begleitenden „Comes“, der unter Schwarz-Gelb Guido Westerwelle zugedacht wäre. Ob sich der FDP-Vorsänger mit dieser Zweitstimme abfinden kann? Bislang wollte er jedenfalls immer die Primadonna spielen. Alle Unentschlossenen können sich übrigens schon mal darauf einstellen, dass ihnen die Kandidaten sämtlicher Parteien heute bis 18 Uhr mit der einfachsten Form des mehrstimmigen Gesangs in den Ohren liegen werden – dem Kanon: „Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch?!“ F.H.

Wer wählt, macht sein Kreuz. Die meisten aber machen auf dem großen Wahlschein gar kein Kreuz in ihren kleinen Wahl-Kreis. Sondern ein X. Das Ankreuzen ist also ein Anixen bei denen, die uns im Wahlkampf oft genug ein X für ein U vorgemacht haben. Dafür machen wir ihnen ein X für ein Kreuz vor. Das ist unser gutes Wahlrecht. Ein Kreuz, ein echtes Kreuz ist eher die Entscheidung, wem ich es diesmal vormache. Ohne Hosianna (und auch kein: Kreuziget ihn!). Was einen interessieren würde, ob man auch in anderen Kulturen, wo nicht nur mit einem Fingerabdruck gewählt wird, im Geheimen ein Kreuz macht. Beziehungsweise: ein falsches Kreuz, das dann etwas ganz anderes bedeutet, weil dort das X-Zeichen nicht existiert. Das möchte man als alter Ixer endlich mal wissen. Trotz Wahlgeheimnis. P.v.B.

Sie ist die Urtümliche unter den nüchternen Requisiten. Weil sie sperrig ist, muss der Wahlleiter Autofahrer sein. Sie ist grau, aus Metall, viereckig, 30 cm breit, unterseitig verschlossen. Ihr großer Deckelschlitz wird abgedeckt, damit außer den sterblichen Resten des Wählerwillens nichts Unbefugtes hineingerät. Wenn bei jeder Wahl der Wahlleiter Schlag 18 Uhr sein Gefäß zur Seebestattung überführen würde, müsste die Wahl ewig wiederholt werden. Das wollten die Väter der Verfassung nicht, dann würde nie regiert. Deshalb aufersteht in ihrem Bauch das Votum des Souveräns zum Mandat; der Bundesadler flattert aus den Aschen einer verkürzten Legislaturperiode ans Licht, alles wird gut – wie in der Augsburger Puppenkiste. Danke, Urmel. tl

Heißt eigentlich nicht viel mehr als: Hier ist der Ort. Hier wird gezagt, hier wird gezockt, hier wird gezählt. Manchmal sogar in Bierstuben, Sparvereinen und Eckkneipen. Heute meist in Kitas, Schulen oder Seniorenheimen. Was sagt das über uns? Stürmt die Lokale! Zecht mehr! Zeugt mehr! Wählt mehr! til

0 Kommentare

Neuester Kommentar