Kultur : Kopf über Kopf

Stille im Rausch: Akram Khan beim Tanz im August

Ulrich Amling

Das Kind fragte sich: Warum ist der Himmel blau? Und warum ist dies der Himmel und das die Erde? Da aber niemand Zeit fand, ihm zu antworten, ließ es sich kopfüber von einem alten Baum hängen. Jetzt würden seine Fragen direkt in die Erde sinken, dachte das Kind – und sie würde ihm irgendwann antworten.

Akram Khan erzählt diese Geschichte inmitten seiner Choreografie „MA“, mit der der britische Tanzstar bengalischer Abstammung beim Berliner Tanz im August gastiert. Das HAU 2 platzt aus allen Nähten, die Erwartungen sind riesig. Kaum eine Auszeichnung, die der 30-jährige Khan nicht in den letzten drei Jahren gewonnen hat. Der Druck, der auf seiner zweiten abendfüllenden Arbeit lastet, nimmt besorgniserregende Ausmaße an.

Noch nie hat Khan so lange an einer Mixtur aus Musik, Sprache und Tanz geprobt. Nach einem Ausflug in die mythologische Welt der Götter stellt „MA“ (das heißt „Erde“, aber auch „Mutter“) den Menschen in den Mittelpunkt einer virtuosen, von zartem Humor durchwehten Choreografie. Seine sechsköpfige Company hat einen rasanten Entwicklungsschritt getan, mit Brillanz und großer Individualität adaptieren die Tänzer Khans Stil, der den traditionellen nordindischen Kathak mit dem Bewegungsrepertoire westlicher Metropolen vermählt. Im furiosen Wirbel ist die Stille spürbar, eine geistigen Mitte im Rausch kinetischer Energieströme, im subtilen Wechsel der Formationen. Jeder Tänzer findet dabei eigene Linien zum Boden, zur Erde – und lauscht dem Nachhall seiner Fragen: Ob MA antworten wird? Wenn sie Schönheit und Hingabe liebt, dann bestimmt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben