Kultur : Kopfgeburt und Lebenshilfe

WILHELM VOSSENKUHL

Vor einigen Jahren noch galt das Fach Philosophie als völlig out.Heute grassiert ein Philosophie-Boom: von "Sofies Welt" bis zum Manager-Seminar.Zugleich wurde noch nie so viel Unsinn geglaubt.Warum? Ein Blick auf Gründe und AbgründeVON WILHELM VOSSENKUHLDer Erfolg von "Sofies Welt" hat nicht nur ihren Autor erstaunt.Niemand hätte vermutet, daß ein Buch über einige Ideen aus der Geschichte der Philosophie ein Bestseller werden könnte.Auch Umberto Ecos geistesgeschichtlicher Kriminalroman "Der Name der Rose" zeigt, wie philosophische Texte, wenn sie lesbar geschrieben und ihre Gedanken in Fiktionen verpackt sind, zu Events der populären Kultur werden.Weiteres Indiz dieser Aufmerksamkeit ist, daß der Rat von Philosophen inzwischen vielerorts für wertvoll gehalten wird, nicht nur bei Unternehmen, auch von Politikern.In Bonn soll vor einigen Jahren gar ein Ethik-Ministerium mit einem bekannten Philosophen als Minister-Kandidat im Gespräch gewesen sein.Ärztekammern suchen für ihre Ethik-Kommissionen nach Philosophen.Sie helfen nicht nur bei der Begriffsarbeit, etwa bei der Definition des sogenannten Hirntods, sondern bei einer Vielzahl ethischer Entscheidungen im klinischen Alltag. Da mit der Philosophie als Studienfach nach einhelliger Meinung beruflich nichts anzufangen ist, und das Fach mit Abstand die höchste Zahl an Studienabbrechern aufweist, kann einen dieser Boom nur wundern.Steckt dahinter ein Bedürfnis nach Erkenntnis und Wahrheit oder nur ein Mißverständnis, das sich nach kurzer Zeit erledigt? Was die Rolle der Berater angeht, sind Philosophen keineswegs gefragter als andere Geisteswissenschaftler.Das öffentliche Interesse an Geistes- und Kulturwissenschaften ist in den letzten zwei Jahrzehnten allgemein gewachsen.Auf Soziologen, Politik- und Literaturwissenschaftler hören mittlerweile nicht nur die deutschen Banken, und ohne den Rat von Psychologen will nicht einmal die Polizei auskommen.Man könnte meinen, endlich habe sich die Einsicht in die kulturelle Bedeutung und den besonderen Erkenntniswert der Geisteswissenschaften durchgesetzt.Das aber wäre zu schön, um wahr zu sein.Die Einsicht, die hinter jenem Interesse steht, ist einfach die, daß es in Wirtschaft und Gesellschaft, zu Hause und im globalen Wettbewerb darauf ankommt, die Mentalitäten und Denkweisen der anderen besser zu verstehen.Wir mögen es merkwürdig finden, daß es in Korea als äußerst unhöflich gilt, sich trompetend die Nase zu putzen.Für jeden, der in Korea etwas verkaufen will, ist es allerdings nützlich, dies zu wissen.Das Verstehen fremder Kulturen, allgemein kulturgeschichtliches Wissen, ist eine Komponente des Marketing oder fließt in ökonomische Strategien und in das Design von Produkten mit ein. Die Philosophie bietet kein Wissen an, das unmittelbaren Nutzen verspricht.Sie kann nur auf fundamentalere Weise zum kritischen Nachdenken über Produkte und deren Probleme beitragen.Jede gewinnbringende Ware oder Unternehmung - vom Auto über die Flugreise bis zur Energiegewinnung - hat einen ökologisch wunden Punkt.Was auch nur im Verdacht steht, die Umwelt zu schädigen, ist schwerer verkäuflich.Philosophen denken seit langem über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur nach.Sie können helfen, zwischen wohlfeilen Katastrophenvermutungen und begründeter Kritik zu unterscheiden.Nur die abwendbaren Schäden verdienen Tadel, aber was bedeutet "abwendbar" genau? Während die Abschätzung der Technikfolgen sich auf natur- und ingenieurwissenschaftliche Aspekte beschränkt, versucht die Philosophie, den Blick auf die Zusammenhänge von Gesellschaft und Natur zu richten, in denen die Technologien wirksam werden.Dies ist eine Gratwanderung zwischen der Rechtfertigung und der Ablehnung von Risiken, die nicht zuverlässig quantifiziert und qualifiziert werden können.Es gilt "Kein Nutzen ohne Schaden", aber nicht jeder Schaden ist zu rechtfertigen.Die Philosophie kann dabei mit ihren Rechtfertigungen zu einem bloßen Feigenblatt degenerieren.Beredsamkeit und Wahrheit sind - wie Jean Paul erkannte - Nachbarn, aber keine Freunde. Zu gerne würden wir glauben, daß dies der Grund für die große Nachfrage nach Philosophie ist: die Sehnsucht nach Wahrheit und Erkenntnis.Schließlich heißt Philosophie ja "Weisheitsliebe".Nur ist diese Liebe nicht epidemisch, wie uns Platons Höhlengleichnis lehrt.Die Menschen liegen - in seinem Gleichnis - gefesselt in einer Höhle und können zwischen Wahrheit und Schein nicht unterscheiden. Nicht die Wahrheit, sondern der Schein ist epidemisch.Daran ändern auch philosophische Bestseller nichts. Wahrheit und Einsicht sind tatsächlich scheu und entziehen sich gerade dann, wenn wir glauben, ihrer auf Dauer habhaft geworden zu sein.Dies gilt nicht nur für Philosophen.Heißt das, der philosophische Boom ist ein Mißverständnis? Nicht ganz.Er ist tatsächlich Ausdruck einer Sehnsucht nach Einsicht, nach tiefer gegründetem Wissen.Nicht nur Philosophen staunen über die Existenz der Welt.Es sind aber Philosophen, die diesem Rätsel seinen Zauber nehmen und zum Beispiel feststellen, daß es unsinnig wäre, darüber zu spekulieren, warum die Welt existiert.Sinn würde diese Spekulation nur machen, meint Wittgenstein, wenn wir uns vorstellen könnten, daß die Welt nicht existiert.Eben dies können wir aber nicht.Die Vorstellung, daß etwas nicht existiert, setzt das voraus, worin es existieren könnte.Das ist richtig, aber nicht aufregend.Das Rätsel des Daseins verflüchtigt sich in einer Trivialität. Nicht nur Beredsamkeit und Wahrheit sind Nachbarn, auch Philosophie und Technologie, und seit mehr als zwei Jahrhunderten sind auch sie keine Freunde.Wissen und Glauben konkurrieren.Daß unser Weltbild seit langem naturwissenschaftlich ist, zeigt, wie dieser Wettbewerb steht.Gleichzeitig wächst aber die Enttäuschung über die empirischen Wissenschaften, über ihre Ohnmacht gegenüber den Gefährdungen der Menschheit und der Natur.Und diese Enttäuschung fördert (wie wiederum Wittgenstein meinte) die Bereitschaft, an Mythen zu glauben.Der Glaube an die Wissenschaften fördert also den Aberglauben.Nichts bestätigt dies mehr als der weltweite Erfolg von Sekten und esoterischen Weisheitslehren.Noch nie wurde soviel Unsinn geglaubt. Wenn Wittgenstein recht hat, wäre die Philosophie als Wissen gefährdet, wie die Naturwissenschaft in Zeiten der Enttäuschung den Aberglauben zu fördern, und als Glauben geriete sie in Gefahr, nur Weltanschauung zu sein.Die Philosophie schwankt tatsächlich seit ihren Anfängen zwischen Wissen und Glauben, zwischen Rätsel und Entzauberung.Philosophen sind heute nicht mehr Eingeweihte wie in den Zeiten der Pythagoräer und nicht mehr Theologen wie im Mittelalter.Als bloße Wissenschaftler fehlt ihnen aber auch jede Attraktion, denn viele andere Wissenschaftler wissen sehr viel mehr als sie.Platon verglich die Philosopie mit dem Eros, jenem Gott, der zwischen den Menschen und den Unsterblichen vermittelt. Die Rolle der Philosophie ist heute ganz analog.Sie vermittelt zwar nicht - erotisch - zwischen Menschen und Göttern, aber in gewisser Weise zwischen Wissen und Glauben.Es geht nicht mehr um den religiösen Glauben, sondern um den Glauben an eine gerechte Politik, an ein gutes Leben, an Frieden und Freiheit.Die Philosophie erfindet diesen Glauben nicht, nährt ihn aber trotz des Wissens um die Chancen und Gefahren, die wir Menschen selbst erzeugen. Das Ergebnis dieser Vermittlung zwischen Wissen und Glauben ist im besten Fall eine vernünftige Hoffnung, eine Hoffnung auf die Vernunft.Hoffnung gibt es nur im Kopf.Sie ist nicht eitel, sondern verleiht eine gewisse Sicherheit, indem sie uns hilft, uns selbst zu orientieren.Kant glaubte, daß die Orientierung durch das eigene Denken keiner äußeren Orientierungspunkte bedarf, weil es sich selbst orientieren kann.Da wir keine äußeren Orientierungspunkte mehr haben, weil die Autoritäten abhanden kamen, bleibt uns nur noch die eigene Orientierung.Das, was zwischen Wissen und Glauben liegt und zwischen beidem vermittelt, ist das Denken.Das ist das Besondere der Philosophie, ihre eigene Praxis.Es ist aber leichter zu wissen, was andere dachten, als selbst zu denken."Selbstdenken" nannte Kant die erste Maxime des Vernunftsgebrauchs.Außerdem müsse das Denken folgerichtig und vorurteilsfrei sein.Gut gedacht, aber schwer getan. Philosophische Literatur zu lesen, heißt nun noch nicht, selbst zu denken.Umgekehrt verhindert das Lesen aber das eigene Denken nicht.Wir üben es an den Gedanken großer Vordenker.Dies ist der erste Akt des Nachdenkens. Die eigene Bewegung des Kopfes, die Spontaneität ist jedoch das wirkliche Ziel.Nicht die Nachahmung. Dieses Zieles wegen ist die Philosophie das Bildungsfach schlechthin.Es bildet zur Selbstbildung; das ist sein einziger Nutzen.Der gebildete Mensch kann von sich aus denken und urteilen.Alles andere richtet sich nach dem Niveau der Selbstbildung, die Moral, der Umgang mit anderen, die Projekte des Lebens.Der gebildete Mensch müßte sich nicht dauernd selbst beweisen und im Wettbewerb keinen Wert an sich sehen.Diese Beschreibung des Gebildeten beiderlei Geschlechts ist das Gegenteil dessen, was heute bewundert wird und als Erfolg gilt.Vielleicht ist es also gar nicht die pompöse Sehnsucht nach Wahrheit, die für die große Nachfrage nach Philosophe verantwortlich ist.Vielleicht ist es einfach nur das Bedürfnis nach Bildung, statt schierer Einbildung.Nach begreifbarer Wirklichkeit anstelle beliebiger Virtualität. Der Verfasser, zuletzt Autor einer Wittgenstein-Studie, ist Professor für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

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