Kultur : Kopfgeburten

„Alles, was draußen ist“ von Saskia Hennig von Lange.

Friederike Höll

Einmal in den Kopf eines anderen schlüpfen, seinen Gedanken folgen, seine Gefühle spüren – das ist die Grundidee des Films „Being John Malkovich“. Durch ein geheimes Loch in der Wand gerät man in das Bewusstsein des Schauspielers John Malkovich. Saskia Hennig von Langes Novelle „Alles, was draußen ist“ ist ein ähnlich geheimes Loch. Auf 100 Seiten wird man hier in das Bewusstsein eines Mannes gesogen. Der ist kein weltberühmter Schauspieler, sondern ein zurückgezogen lebender Unbekannter. Laut ärztlicher Diagnose wird er den nächsten Winter nicht überleben. Den Rest seiner Lebenszeit verbringt er damit, durch ein Anatomiemuseum zu schreiten, das er vor einiger Zeit erworben hat, und seine Gedanken zu den Ausstellungstücken niederzuschreiben.

Diesen Gedankenstrom setzt die 1976 geborene Saskia Hennig von Lange in ihrem Debüt bemerkenswert um, denn ebenso berauschend wie die Gedanken ist ihre Sprache. Akribisch beschreibt sie die Beschaffenheit anatomischer Präparate, Embryonen und Schlangenhäute, die Abdrücke weiblicher Geschlechtsorgane oder die Totenmaske von Robespierre. Die Bestandteile des Museums dienen dabei als Ausgangspunkt einer unaufhaltsamen Gedankenspirale, die philosophische Überlegungen, persönliche Erkenntnisse und Betrachtungen zum Ort des Geschehens miteinschließt. Hennig von Lange schafft so einen flüssigen Übergang vom Körperlichen zum Imaginären und wieder zurück zum Körperlichen. Die Grenzen verschwimmen, bis der Icherzähler selbst nicht mehr weiß: Was ist Wirklichkeit? Was ist Fiktion? Klopft es an der Tür oder nur in seinem Kopf? Gibt es die „Untendrunterwohnerin“?

Die reale Welt außerhalb des Museums bleibt stets nur angedeutet, biografische Fakten zum namenlosen, durchweg verschrobenen Erzähler erfährt man nicht. Ständig verliert dieser sich in Überlegungen darüber, was er tun könnte, und verharrt dennoch in der Ohnmacht vor dem Tod und vor der immerwährenden Frage, was bleibt. Schließlich beginnt er, sich selbst zu archivieren.

Durch die tiefenpsychologische Präzision, mit der Hennig von Lange seinen einsamen Charakter in gestenreiche Bilder formt, gibt sie seinem Bewusstsein Raum und Körper. Trotz seiner Verrücktheit folgt der Held einer in sich schlüssigen Logik. Zum Beispiel wenn er sich – ausgelöst durch die Unbegreiflichkeit der eigenen Vorstellungskraft – auf die fanatische Suche nach den Tönen im Kopf begibt und dazu lebende Tiere köpft, bevor er ihnen eine „geheime Losung“ ins Ohr spricht: „Nein, du bleibst hier bei mir, du gehst nicht nach draußen.“

Anders als in „Being John Malkovich“ wird man von Saskia Hennig von Lange nicht auf dem Highway wieder aus dem fremden Bewusstsein herausgeschleudert, sondern mit einem ganzen Bündel offener Fragen entlassen. Was ist? Was bleibt? Friederike Höll

Saskia Hennig

von Lange
: Alles,

was draußen ist.

Novelle. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2013. 120 Seiten, 16,99 €.

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