Kultur : Kopflos in der Bismarckstraße

Die Deutsche Oper Berlin streicht die Wiederaufnahme von Hans Neuenfels’ „Idomeneo“-Inszenierung

Christine Lemke-Matwey

Die Sache ist durchaus heikel, wenn nicht sogar gefährlich – allerdings in einem anderen Sinne, als sie zunächst den Anschein erweckt. Die Fakten: Wegen befürchteter islamistischer Anschläge hat die Deutsche Oper Berlin nun Mozarts frühes dramma per musica „Idomeneo“ vom Spielplan genommen. In sämtlichen Vorschauen für den Monat November findet sich die Produktion bereits ersetzt, sei es durch „Le Nozze di Figaro“ (am 5. und 8.11.), sei es durch Verdis „Traviata“ (am 15. und 18.11.), jeweils in Inszenierungen des früheren Intendanten Götz Friedrich. „Idomeneo“ hingegen hat Hans Neuenfels in Szene gesetzt, als Regisseur fast immer für einen Skandal gut.

Hintergrund für die Spielplanänderung sind bei den Berliner Sicherheitsbehörden eingegangene und nach deren Einschätzung offenbar ernstzunehmende Hinweise, dass Szenen aus dieser Inszenierung „derzeit ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko für das Haus darstellen“, wie die Deutsche Oper gestern Nachmittag mitteilte. Das Haus möchte eine Gefährdung seines Publikums und seiner Mitarbeiter ausschließen, weshalb von der geplanten Wiederaufnahme nun Abstand genommen wurde.

Nach einer Gefahrenanalyse des Berliner Landeskriminalamtes kamen die Sicherheitsbehörden zu dem Ergebnis, dass „Störungen der Aufführungen nicht ausgeschlossen werden können“. Es habe allerdings weder eine konkrete Terrordrohung gegen die Oper vorgelegen, noch habe eine islamische Organisation irgendeinen Hinweis darauf gegeben, dass das Aufführung die religiösen Gefühle von Moslems verletzen könnte. Die besagte Analyse war im Kontext des Streits um die dänischen Mohammed-Karikaturen im Auftrag der Berliner Senatsinnenverwaltung erstellt worden. „Wir haben aber nicht verlangt, dass das Stück aus dem Programm genommen wird“, so das LKA weiter. Diese Entscheidung sei allein von Intendantin Kirsten Harms getroffen worden und zu verantworten (die als Regisseurin gerade mit Alberto Franchettis „Germania“ für den 15. Oktober die erste Premiere der neuen Spielzeit vorbereitet und für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war).

Im Epilog der Neuenfels-Inszenierung aus dem Jahr 2003 schleift Idomeneo, der König von Kreta, ein blutiges Bündel in die Bühnenmitte und drapiert vier abgeschlagene Häupter auf vier Stühle: die Köpfe der drei „Religionsvertreter“ Gottes auf Erden – Jesus, Buddha und Mohammed – nebst Poseidon/Neptun, der für das Schicksal des Kreterkönigs mythologisch verantwortlich ist. Die Götter sind tot, sagt dieses eindringliche Bild und Arrangement – es lebe der Mensch! Denn, so fragt man sich prompt, was ist denn nun human im aktuellen Blick auf dieses Stück von 1781: der Glaube an welche Götter auch immer und also der historische Zweifel an der Selbstbestimmung des Individuums – oder der Zweifel an allen Göttern und also der idealistische Glaube an des Menschen selbstbestimmte Menschlichkeit? Wenn Neuenfels seinen Idomeneo am Ende dieses Endes zudem in ein irres Lachen ausbrechen lässt (wie Kundry, die Christus einst am Kreuz verlachte!), dann scheint in diesem Affekt, in dieser Geste alles miteinander aufgehoben: Schuld, Wissen, Leid, Heil, Kunst – und auch die Utopie, dass es eines fernen Tages besser bestellt sein könnte um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und unser aller Menschenwohl. Idomeneo sei „Mozarts Gegen- Hamlet“, schrieb Neuenfels damals im Programmheft, einer, der „nicht Opfer wird, sondern Täter“. Wie Mozart, der sich in dieser Partitur mit dieser Partitur von jedem Über-Ich befreit. Ein starkes szenisches Plädoyer. Es schließt niemanden aus und entlässt niemanden aus der Verantwortung.

Das Premierenpublikum der Deutschen Oper indes zeigte sich vor drei Jahren kaum sonderlich erregt. Hier ein paar mürrische Buhs, dort einige halbherzige Bravi, die sich keineswegs nur auf den besagten Schluss bezogen haben dürften, wenn überhaupt. Torkelnde Trojaner in Ganzkörpermullbinden, ein Engel auf dem Fahrrad – an der Bismarckstraße kennt (und liebt und hasst) man seinen Neuenfels, spätestens seit Verdis „La Forza del destino“ und „Nabucco“: Zwei Produktionen, die ihrerseits ungleich heftigere, skandalträchtigere Reaktionen hervorriefen. Beide werden bis heute gespielt. Den letzten „Idomeneo“ übrigens gab’s am 12. Mai 2004.

Neuenfels selbst findet die ganze Angelegenheit ebenso „delikat“ wie „pubertistisch“ und hatte bei der Deutschen Oper erfolglos gegen die Absetzung protestiert. „Eine solche Aktion“, so Neuenfels gegenüber dem Tagesspiegel, „unterminiert jede gesellschaftliche Diskussion. Ein Labyrinth von Willkür – mit fatalen Folgen für jeden Theaterspielplan. Wo kommen wir denn hin, wenn wir uns zukünftig in vorauseilendem Gehorsam von möglicherweise verrückt gewordenen Abonnenten künstlerisch erpressen lassen?“ Das Finale thematisiere „Religionsstiftung als Diskurs“, wertfrei und auf alle Weltreligionen gleichermaßen bezogen. Inhaltliche Veränderungen an seiner Inszenierung seien ihm nicht angetragen worden. Unterdessen hat Hans Neuenfels die Angelegenheit seinem Anwalt Peter Raue übergeben.

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