Kultur : Kopflos

Die Deutsche Oper Berlin setzt „Idomeneo“ ab

Christine Lemke-Matwey

Die Sache ist durchaus heikel. Wegen befürchteter islamistischer Anschläge hat die Deutsche Oper Berlin Mozarts „Idomeneo“ vom Spielplan genommen. In sämtlichen Oktober- und NovemberSpielplänen findet sich die Mozart-Oper bereits ersetzt, durch „Figaros Hochzeit“ und Verdis „Traviata“. Hintergrund sind bei den Berliner Sicherheitsbehörden eingegangene und nach deren Einschätzung durchaus ernstzunehmende Hinweise, dass Szenen aus dem von Hans Neuenfels eingerichteten Dramma per musica „derzeit ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko für das Haus darstellen“, wie die Deutsche Oper mitteilt. Das Haus möchte eine Gefährdung seines Publikums und seiner Mitarbeiter ausschließen, weshalb von der Wiederaufnahme Abstand genommen wurde.

Nach einer Gefahrenanalyse des LKA kamen die Sicherheitsbehörden zu dem Ergebnis, dass „Störungen der Aufführungen nicht ausgeschlossen werden können“. Es habe aber weder eine konkrete Terrordrohung gegen die Oper vorgelegen noch habe eine islamische Organisation einen Hinweis darauf gegeben, dass das Stück die religiösen Gefühle von Moslems verletzen könnte. Die Analyse war im Kontext des Streits um die dänischen Mohammed-Karikaturen im Auftrag der Berliner Senatsinnenverwaltung erstellt worden. „Wir haben aber nicht verlangt, dass das Stück aus dem Programm genommen wird“, so das LKA weiter. Diese Entscheidung sei ganz allein von Intendantin Kirsten Harms zu verantworten (die bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war).

Im Epilog der Neuenfels-Inszenierung von 2003 schleift Idomeneo, der König von Kreta, ein Bündel in die Bühnenmitte und drapiert vier abgeschlagene Häupter auf vier Stühle: die Köpfe der drei „Religionsvertreter“ Gottes auf Erden – Jesus, Buddha und Mohammed – nebst Poseidon/Neptun, der für das Schicksal des Kreterkönigs mythologisch verantwortlich ist. Die Götter sind tot, sagt dieses Bild und Arrangement – es lebe der Mensch! Idomeneo sei „Mozarts Gegen- Hamlet“, schrieb Neuenfels damals im Programmheft, einer, der „nicht Opfer wird, sondern Täter“.

Der Regisseur selbst findet die ganze Angelegenheit „delikat“ und hatte bei der Deutschen Oper erfolglos gegen die Absetzung seiner Inszenierung protestiert. „Eine solche Aktion“, so Neuenfels gegenüber dem Tagesspiegel, „unterminiert jede gesellschaftliche Diskussion. Ein Labyrinth von Willkür – mit fatalen Folgen für jeden Theaterspielplan. Wo kommen wir denn hin, wenn wir uns zukünftig in vorauseilendem Gehorsam von möglicherweise verrückt gewordenen Abonnenten künstlerisch erpressen lassen?“ Der Schluss seiner Inszenierung thematisiere völlig wertfrei „Religionsstiftung als Diskurs“. Hans Neuenfels hat die Angelegenheit seinem Anwalt Peter Raue übergeben.

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