Kultur : Kopfmusik sinnlich

ULRICH AMLING

Was soll man bloß aufbieten, um den Kammermusiksaal der Philharmonie zu füllen? Gewiß, im Großen Haus gab es Hochpoliertes der Wiener Philharmoniker mit eleganten Dirigierposen von Lorin Maazel.Doch muß deshalb bei einem Spitzenensemble wie dem Arditti Quartett nur jeder dritte Platz besetzt sein? War es die Angst vor Anton Webern, der seinen Lehrer Schönberg an Radikalität übertraf und zum Leitbild der Nachkriegskomponisten avancierte? Mit Leichtigkeit strafte das Arditti Quartett Vorurteile gegenüber dieser "Kopfmusik" Lügen.Die kleine Webern-Reihe nahm mit dem Rondo von 1906 einen tänzerisch zarten Auftakt.Einen gewaltigen Sprung hin zur Verknappung musikalischer Mittel markieren die "Fünf Stücke für Streichquartett op.5" (1909).Aufregend, wie das Arditti Quartett hier jede Figur zum Vibrieren brachte.Mit gemeinsamem Atem pusteten die Musiker Luft in die gedrängte Textur des Stückes.Weberns Musik entfaltete eine magische Klang-Sinnlichkeit, die die Ardittis auch seinem letzten Kammermusikwerk, dem Streichquartett op.28, schenkten.Diese Sensibilisierung des Hörens machte neugierig auf die Uraufführung des Abends: Der Wiener Kurt Schwertsik, Jahrgang 1935, präsentierte sein Streichquartett "Ganesha Walkabout", ein Auftragswerk der Festwochen, dem Arditti Quartett gewidmet.Fein schwebende Melismen über exotischer Rhythmik paßten hervorragend zum schlanken Spiel der Musiker.Gemäß seiner Maxime "Machen, was Spaß macht" bediente sich Schwertsik diesmal bei indischer Folklore.Doch der muntere Gesang blieb schnell im engen rhythmischen Gewebe hängen: wenig fesselnder Stillstand.Ob der freundliche Applaus wirklich auf das Konto des Komponisten ging, läßt sich nicht sagen - Schwertsik zeigte sich nicht.Die Ardittis hingegen bewiesen ihre Klasse bei zwei Ausflügen in das Quartett-Schaffen Alexander von Zemlinskys: Hingebungsvoller Einsatz für einen Komponisten, der Zeit seines Lebens als Außenseiter galt.

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