Kultur : Kopfsprung in den Zuber

„Kunstportale“ in der Berliner Galerie Nord

Jens Hinrichsen

Ingeborg Lockemann war für eine Videoarbeit in Ghana und Deutschland unterwegs. Götz Diergarten zog es in die Londoner U-Bahn, aus der er flächig-farbenstarke Fotos mitbrachte. Und die Fotografin Anja Teske besuchte einen befreundeten Transsexuellen in seiner schrill-plüschigen Wohnung. Kunst betrachten heißt: unbekannte Räume betreten. Oder: altbekannte Orte neu betrachten. Besonders viele Türen öffnen sich in Gruppenausstellungen. Die Schau „Kunstportale“ in der Berliner Galerie Nord hat keinen gemeinsamen Nenner, dafür gleichbleibend hohes Niveau: Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral in Bad Ems zeigen sich von der besten Seite.

Auslandsstipendien, Projekt- oder Anwesenheitsstipendien vergibt die rheinland-pfälzische Institution. 14 Künstler des Jahrgangs 2006/2007 werden im Kunstverein Tiergarten präsentiert, darunter auch der Russe Misha Le Jen. Seine performative Videoarbeit „Becken“ entstand im Park der neugotischen Villa, die als „Schloss Balmoral“ einst als Hotel genutzt wurde. Statt Swimmingpool ist auf der Großprojektion allerdings nur eine große Plastikschüssel zu sehen. Le Jens Kunststück: Er wagt einen Kopfsprung in den engen Zuber. Und verschwindet darin! Von weiten, unheimlichen Naturräumen erzählt die Malerei von Myrtia Wefelmeier: Wie Hänsel und Gretel, allerdings auf zwei separate Großformate verteilt, stehen zwei Kinder vor einer Waldkulisse. Zu Hause ist weit weg. Auch der Titel „My Castle“ des kleinen Environments von Nicola Schudy erweist sich als pure Illusion: Zu sehen ist eine Art Baustellensituation aus Sperrholz und Montageschaum. Nicht minder interessant sind Schudys spröde Aquarelle von verlassenen Tankstellen und anderen Un-Orten. Jens Hinrichsen

Galerie Nord, Turmstr. 75, bis 1.9., täglich 14-19 Uhr

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