Kultur : "Kopistische Glätte" gegen "schöpferisches Ungestüm"

Helmut Caspar

Wenn ein bisher nur scheel angesehenes, weil nicht eigenhändiges Gemälde als Original und ein anscheinend über jeden Zweifel erhabenes Werk als Produkt von Schülern oder Werkstattarbeit "entlarvt" wird, ist das für die einen ein Glücksfall, für andere ein trauriges Ereignis. So geschehen vor vier Jahren, als ein im Königlichen Gemäldekabinett Mauritshuis in Den Haag hängendes, elegant gemaltes Selbstbildnis von Rembrandt aus der Zeit von 1629/30 zur Replik zurückgestuft werden musste, während das bisher als bloße Nachschöpfung eines Unbekannten geltende Porträt des jungen Malers aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg als Original anerkannt wurde.

Damit wurde ein weiteres Mal das umfangreiche µuvre des Meisters bereinigt. Berühmtes Opfer solcher Mühen im Rahmen des 1968 begründeten Rembrandt Research Project war der legendäre "Mann mit dem Goldhelm" aus der Berliner Gemäldegalerie. Er wurde von Generationen von Rembrandt-Bewunderern als eigenhändige Meisterleistung verehrt, bis er 1985 als Schulwerk klassifiziert wurde und so auch seither am Kulturforum präsentiert wird.

Möglich war die Zuordnung des lange in seiner Bedeutung verkannten Nürnberger Rembrandt-Porträts durch Anwendung modernster Technik, wie jetzt eine interessante Studioausstellung in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin am Kulturforum zeigt. Veranstaltet vom Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, das gerade sein 150-jähriges Bestehen feiert, schildert sie die Entstehung des Bildes, auf dem sich der junge Maler wie ein Edelmann mit eisernem Halskragen zeigt. Der Mund ist leicht geöffnet, die Augen schauen selbstbewusst auf die Betrachter. Dass das Nürnberger Original und die ebenfalls ausgestellte Amsterdamer Kopfstudie eines Rembrandt-Schülers um 1630 Eichenholztafeln vom gleichen Baum verwandten, wurde durch dendrochronologische Untersuchungen nachgewiesen, wie der Leiter der Gemäldegalerie des Nationalmuseums, Daniel Hess, erläutert.

Zehn Jahre haben Spezialisten versucht, die Lehrmeinung, die Nürnberger Tafel sei nicht eigenhändig, umzustoßen. Durch Röntgenaufnahmen, die in der Ausstellung dokumentiert werden, wird beim Nürnberger Exemplar der "um die Form ringende malerische Prozess" deutlich, wie Hess formuliert. Hingegen zeige sich bei dem Haager Bild, dass es in einem Zug mit klaren Vorgaben ohne Korrekturen kopiert wurde.

Den Ausschlag bei der Umbewertung gab schließlich der Vergleich zwischen beiden Bildern. Hinzu kamen die Daten aus dem "Untergrund", die durch Einsatz der Infrarotflektographie gewonnen wurden. Sie offenbarte bei dem Haager Bild eine in sich divergierende Unterzeichnung, die bei dem Nürnberger Porträt und anderen eigenhändigen Arbeiten des Meisters fehlt. Mit der Zuschreibung änderte sich die Wertschätzung: Was bisher beim Haager Exemplar als vollendete Beherrschung des Metiers gepriesen wurde, gilt nun als "kopistische Glätte", während die spontane Malweise auf dem Nürnberger Bild, so Hess, als Beweis für den "schöpferisch lebendigen Pinsel eines jungen, ungestümen, da und dort noch experimentierenden Meisters" gewertet wird.

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