Kultur : Koran auf dem iPod

Einkreisen einer fremden Welt: Stefan Weidner erzählt in „Fes“ vom Islam

Andreas Pflitsch

Literatenzusammenkünfte in kulturverbindender Absicht haben Konjunktur. Von einem solchen „Dialog-, Begegnungs-, Versöhnungs-, Aufarbeitungs- und Übersetzertreffen“ im marokkanischen Rabat, nebst einem kurzen Ausflug in die alte Königsstadt Fes, handelt das eigentümlich zwischen Erzählung, Reportage, Essay, Reiseprosa und kulturphilosophischer Betrachtung changierende Buch von Stefan Weidner. Ergänzt wird der Text durch Fotografien des Autors. Der Fes-Besuch, „keine harmlose Stadtbesichtigung, sondern die Konfrontation mit dem radikal Anderen“, entpuppt sich für R., den Erzähler, als existenzielle Erfahrung, fern der üblichen touristischen Vergnügungen.

Die ungewöhnliche Erzählhaltung erlaubt es Weidner, wie schon in seinem sogenannten Erzählessay „Mohammedanische Versuchungen“ aus dem Jahr 2004, den Hebel wirkungsvoll an die vertrackte Situation des notorischen Kulturkampfes anzusetzen. Weidner verwirrt, ja verstört seine Leser vorsätzlich mit der uraufklärerischen Lust am provokanten Fragen. Antworten findet man hier kaum, dafür sieht man sich aber mit den seltsamsten Beobachtungen und verblüffendsten Konstellationen konfrontiert. Um die Usancen der Political Correctness macht Weidner mit spürbarer Freude einen Bogen. Er scheut auch nicht vor Paradoxien und Widersprüchen zurück, sondern setzt sich im Gegenteil gerade den offenen Fragen aus und misstraut all denen zutiefst, in deren Weltbildern es stimmig zuzugehen scheint. „Als wäre das Unvollständige, Bruchstückhafte nicht Teil dieses Kennenlernens, nur weil es vielleicht etwas anderes ist als das, was wir eigentlich wollen.“

Weidners Erzähler R. berichtet von „Nano-Koranen, die sich reiche Saudis auf ihre Herzschrittmacher gravieren lassen“, vom „original iPodCoran von Apple“ und den theologischen Debatten darüber, ob eine technische Datenkomprimierung des heiligen Textes im MP3-Format erlaubt sei. Die Diskussion über die vermeintlich Unvereinbarkeit von Islam und Moderne, ein Dauerbrenner auf Podiumsdiskussionen, scheint längst von den Ereignissen überholt worden zu sein und in ihrer fahlen Theorielastigkeit den Blick auf die Realien zu verstellen. Etwa auf die zunächst banal anmutende Ikonographie zeitgenössischer Koranverpackungen: Nichts eigentlich Islamisches finde sich darin, stellt R. fest, sondern „ein Abklatsch der Bildersprache der europäischen Spätromantik und des Surrealismus. Dalí, seiner irritierenden Effekte behoben und am Computer zusammengepanscht mit Turner, Caspar David Friedrich und einer Diashow über die Schönheit der kanadischen Seenlandschaften.“ Solcher von Paradiessehnsüchten sprechende Kitsch gewähre, so R., tiefere Einblicke in die aktuelle Gemütslage der Muslime „von Indonesien bis ins türkische Rheinland“ als die gegenwärtige arabische Literatur.

In Anbetracht der weltumspannenden Anziehungskraft westlicher Popkultur mit ihrem Kometenschweif an Bildern überrascht es kaum, „daß der populäre Islam sich europäisch imaginiert“ und darüber die eigene Tradition vergisst. Die Konsequenz daraus verblüfft aber doch, wenn offenbar wird, wie sehr der heute gelebte Islam von Voraussetzungen der westlichen Moderne geprägt ist und eben nicht in einem grundsätzlichen Widerspruch zu ihr steht, wie es westliche Islamkritiker und östliche Islamisten unisono behaupten. Es ist schließlich R., der Besucher aus dem Westen, der den „verlorenen und zerstörten Islam, seine Herrlichkeit, seine Ausdruckskraft, seine abstrakte Bilderwelt, seine kompromißlose Ästhetik“ beweint: „Und da trauert R., trauert über den Islam.“ Die übliche Versuchsanordnung des Kulturkampfes ist gehörig durcheinandergewirbelt. Lässt man sich auf die vergnüglichen intellektuellen Abenteuer dieser klugen „Umkreisungen“ ein, ist man bald immunisiert gegen die populären, oft mit großer Geste an der Wirklichkeit vorbei argumentierenden Erklärungsmodelle zum Islam, hinter denen zumeist doch nur eine apologetische Selbstberuhigung des zunehmend verunsicherten Westens lauert.

Die islampublizistische Faustregel lautet: Je bequemer man sich mit Argumenten, die die Schuld der anderen am real existierenden Dilemma begründen, im eigenen Denken einrichten kann, desto erfolgreicher. Wem nach behaglicher Selbstbestätigung ist, der greife zu solchen Büchern. Wer etwas lernen und erfahren will, lese Weidner.

Stefan Weidner: „Fes. Sieben Umkreisungen“. Amman Verlag, Zürich 2006, 204 Seiten, 19,90 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben