Koreanische Klassiker auf der Berlinale : Taxifahrt nach Irgendwo

Korea kann sehr kalt sein. Das zeigen die beiden koreanischen Klassiker „The Last Witness“ und „Aimless Bullet“, die im Berlinale-Forum laufen.

Helmut Merker
Detektiv auf Mörderjagd. Hah Myung-joong in "The Last Witness".
Detektiv auf Mörderjagd. Hah Myung-joong in "The Last Witness".Foto: Korean Film Archive

„Die Story ist dunkel und die Leinwand ebenfalls“, heißt es einmal, und das gilt metaphorisch für den Farbfilm „Choehuui jeung-in “ („The Last Witness“) und buchstäblich für den sehr schwarzen Schwarz-Weiß-Film „Obaltan“. Der Titel „Aimless Bullet“ deutet an, wie ziel- und zwecklos alles sein wird. Einzelne Figuren treten aus dem Schwarz heraus und werden wieder von ihm verschluckt. Die virtuose Handhabung von Hell und Dunkel lenkt die Emotionen. Hände oder Augenpartien leuchten auf, Gesichter bleiben in vielsagende Schatten getaucht. Es gibt wenig Großaufnahmen, Gefühle, Stimmungen, Gedanken drücken sich in den angespannten Körpern aus. Ein Schmerzensmann geht von Mal zu Mal gebückter, ein Kriegsversehrter schmeißt seine Krücken weg und kriecht über den Boden, eine Gruppe Betrunkener wankt durch die Nacht.

Bizarre Trümmerlandschaften der labyrinthischen Großstadt erinnern an Post- Weltkriegsfilme wie de Sicas „Fahrraddiebe“ oder Rossellinis „Deutschland im Jahre Null“ mit den Berliner Wohnungen. „Obaltan“ entstand 1961 und zeigt die Depression des Landes nach dem Koreakrieg. Wie im Neorealismus werden Realität und Fiktion, authentische Orte und dramatische Geschichten verbunden. Eine Flüchtlingsfamilie aus dem Norden wird zum Mikrokosmos für das zerstörte Land.

Der ständige Schrei „Let’s go!“

In ihrer baufälligen Wohnhöhle wirkt das diffuse Licht fast grell, in dem sich eine gruseligen Figur auf ihrem Lager windet mit verrenkten Gliedern, abstehenden Haaren, aufgerissenen Augen und dem ständigen Schrei „Let’s go!“. Eigentlich will jeder weg, aber keiner weiß, wohin. Die Matriarchin ist wahnsinnig, der passive Sohn ist paralysiert von seinem Zahnleiden, seine schwangere Frau stirbt an Unterernährung, der Sohn scheitert als Bankräuber, die Schwester wird Prostituierte.

Zeichen der Yankee-Kultur spiegeln eine ökonomische oder eine humane Entwicklung nur vor. Jeeps rattern durch die Straßen, ein Chevrolet wird zum Blickfang, ein Schwenk über Kaufhausauslagen zeigt tausend Billigschuhe, in Bars läuft amerikanische Musik, Einheimische mühen sich mit amerikanischen Sprachbrocken. Materialismus, Militarisierung, die Unterwerfung unter die USA mit ihren phantasmagorischen Versprechungen – diese pessimistische Grundstimmung des Filmes rief sofort die Zensur auf den Plan.

Depression nach dem Koreakrieg in "Obaltan".
Depression nach dem Koreakrieg in "Obaltan".Foto: Korean Film Archive

Der Mann, der aus der Zahnklinik kränker herauskommt, als er hineingegangen ist, zieht ein Lebensresümee: als Vater, Bruder, Sohn, Ehemann hat er versagt – wie die ganze patriarchalische Hierarchie der Nation. In seiner letzten Taxifahrt gibt er nur noch an: „Irgendwohin.“ Er schreit dazu „Let’s go!“ Und keiner weiß, wohin.

Verrat und Gier sind mächtiger als Treue und Moral

Ganz anders macht es die Hauptfigur in „The Last Witness“ von 1980: Detektiv Oh, eine Art von koreanischem Columbo, bliebe lieber ruhig zu Hause sitzen, wird aber auf einen Mordfall angesetzt. Der Tote hinterlässt eine Ehefrau, eine Geliebte und viel Geld. Das bringt einen klassischen Kriminalfall in Schwung und die Hauptfigur in Bewegung. Oh hetzt von einem Verdächtigen zum nächsten. So wird recht schematisch ein fragmentarischer Erinnerungsreigen abgespult.

Die ausführlichste Rückblende führt uns in das nationale Trauma des Koreakrieges. Nach allerlei Getöse mit explodierenden Granaten, ratternden Maschinengewehren und lodernden Flammen schürzt sich hier der Knoten für die verwickelte Mordgeschichte. Ein Partisanenanführer steht sturmumtost auf einem Gipfel und vertraut mit großem Pathos dem besten Kameraden seine Tochter an. Aber Verrat und Gier sind mächtiger als Treue und Moral. Eine besonders obskure Rolle spielt dabei jener Mann, der 25 Jahre später ermordet wird. Bis das ganze Knäuel an persönlichen Verfehlungen entwirrt ist, wird deutlich: Korea kann sehr kalt sein, korrupt, intrigant und frauenfeindlich. Diese Welt ist aus den Fugen, da bleibt auch der Mann, der gekommen ist, sie wieder einzurenken, nicht ungeschoren.

„Aimless Bullet“: 11.2.,16.30 Uhr (CineStar 8), 18.2., 12.30 Uhr (Arsenal 1); „The Last Witness“: 10.2., 16 Uhr (Arsenal 1), 16.1., 19.15 Uhr (Cinestar 8)

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