Kosher Nostra : Die Tränen der Täter

Die Bosse waren knallhart - und sehr sentimental. Kosher Nostra: die Lieblingslieder der jüdischen Mafia auf einer CD.

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New York 1944. Mafia-Boss Louis Buchalter (Mitte) wird zum Gericht gebracht. Er stirbt auf dem Elektrischen Stuhl.
New York 1944. Mafia-Boss Louis Buchalter (Mitte) wird zum Gericht gebracht. Er stirbt auf dem Elektrischen Stuhl.Foto: Picture Alliance

Mord und Totschlag waren im New York der zwanziger Jahre eine gefragte Dienstleistung. Es gab Preislisten dafür. Bei Monk Eastman, dem Boss einer Bande von Gangstern, kostete eine Schlägerei 15, ein bewaffneter Raubüberfall 25 und ein Mord 50 Dollar. Eastman spielte sich als Herr über Leben und Tod auf, doch am Ende wurde er selber erschossen. Die Nachfolgeorganisation seiner Eastman Gang nannte sich „Murder, Inc“, Mord GmbH. Ihr Anführer Louis Buchalter starb, verraten von einem seiner Männer, auf dem Elektrischen Stuhl der Haftanstalt von Sing Sing.

Eastman und Buchalter waren Juden. Für die von ihnen und anderen Paten kontrollierten Verbrecherbanden hat sich, angelehnt an die italienische Cosa Nostra, die Bezeichnung „Kosher Nostra“ eingebürgert. Groß geworden ist die Kosher Nostra während der Prohibition. Sie organisierte die Produktion und den Vertrieb von Alkohol, stellte Streikbrecher, unterwanderte Gewerkschaften und sattelte nach dem Ende der Prohibition auf Glücksspiel und Prostitution um. Wichtigster Kopf der Organisation war der in Polen geborene und in Brooklyn aufgewachsene Textilarbeitersohn Meyer Lansky. Er kooperierte mit dem Mafiaclan seines italienischen Freundes Lucky Luciano und prägte einen Satz, der es bis ins Drehbuch des Film „Der Pate“ brachte: „Wir sind größer als U.S. Steel.“

Weil er bei seinen Geschäften nie etwas aufschrieb und sich allein auf sein Gedächtnis verließ, konnte er nie verurteilt werden. Lansky starb 1983 mit 80 Jahren in Miami an den Folgen einer Krebserkrankung. Für den New Yorker Schriftsteller Rich Cohen verkörpern Männer wie Eastman, Buchalter und Lansky den Gegentypus zum verarmten, hart um sein Überleben kämpfenden Einwanderer. „Die Gangster waren der Prototyp eines neuen Juden, jenes sportlichen, geländegängigen Modells, das sich aus der Asche des Zweiten Weltkriegs erheben sollte“, schreibt er in seinem Buch „Murder Inc“.

Im Booklet der gerade erschienenen CD „Kosher Nostra“ sind die Gesichter der Bosse zu sehen, gemalt vom israelischen Künstler Oz Almog nach historischen Schwarzweißfotografien. Es sind Männer mit großen Hüten und starr blickenden, furchteinflößenden Augen. Sie müssen gnadenlos, aber auch, das beweisen die knapp zwei Dutzend Stücke auf der Kompilation, sehr sentimental gewesen sein.

Da versichern die Andrew Sisters zu scheppernden Swing-Bläsern in atemberaubendem englisch-jiddischen Kauderwelsch „Bei Mir Bistu Sheyn“. Solomon Schwartz intoniert mit seinem Orchester eine Twist-Version von „Hava Nagila“. Al Jolson, Sohn eines Kantor-Sängers und erster Tonfilm-Hauptdarsteller, spielt einen übermütigen „Old Piano Roll Blues“. Tom Jones singt mit so viel Timbre von „My Yiddishe Mamme“, dass es selbst dem hartgesottensten Mobster Tränen in die Augen getrieben haben muss. Und der aus aus Weißrussland stammende Vaudeville-Star Aaron Lebedeff beschwört eine gelungene Assimilation: „What can you mach? S’ is America. Do in land, do putzt men sich asoj / Afile der jid hotn ponim mitn goj.“ In Amerika zieht man sich eben so an, und ein Jude hat dasselbe Gesicht wie der Goj.

Zusammengestellt hat die CD der Frankfurter Musiker Stefan Hantel, der sich Shantel nennt. Für den Mischmasch – ein Wort mit jiddischen Ursprüngen – der Kulturen interessiert er sich schon immer. Seine Großeltern mütterlicherseits stammten aus Czernowitz, Hauptstadt der Bukowina in der heutigen Ukraine. Bekannt geworden ist er als DJ mit dem Balkan-Bastard-Pop seines Bucovina Clubs und als Bandleader mit dem Bucovina Club Orkestar. „Gleichmacherei ist falsch“, lautet sein Credo. „Musik ist ein Statement, Parallelgesellschaften zuzulassen. Amerika zeigt, dass das in hohen Maßen produktiv funktionieren kann.“

Ausgelöst wurde Shantels Neugier für die jüdisch-amerikanische Popgeschichte durch einen Besuch in Las Vegas, wo er die LP „Connie Francis sings Jewish Favorites“ in einem Plattenlabel fand, eine Rarität von 1960. Las Vegas ist quasi eine Erfindung der Kosher Nostra, der legendäre Unterboss Bugsy Siegel baute ab 1946 das Flamingo Hotel zum Glücksspielerparadies aus, um die Prohibitionsgelder des Syndikats zu waschen. Weil er dabei mit dem Geld zu großzügig umging, ließ ihn Oberboss Meyer Lansky erschießen. Connie Francis stieg 1960 mit 21 Jahren zur jüngsten Sängerin auf, die je als Headlinerin in einer Las-Vegas-Show auftrat.Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass Meyer Lansky nicht nur ihr Bewunderer, sondern auch ihr Liebhaber gewesen sein soll.

Ihr jüdisches Album floppte und wurde nach wenigen Wochen vom Markt genommen. Auf der Kosher-Nostra-CD ist sie mit drei Titeln vertreten, darunter eine hinreißende Version von „O mein Papa“. Die CD-Unterzeile „Jewish Gangsters Greatest Hits“ ist Spekulation. Niemand kann heute sagen, welche Musik die Mobster vor einem halben Jahrhundert gehört haben. Oder doch? In Tel Aviv traf Shantel den ehemaligen Fahrer von Meyer Lansky, einen über achtzigjährigen Herrn, der versicherte: Sein Chef liebte diese Musik auf dem Album.

„Kosher Nostra“, hg. v. Shantel und Oz Almog, ist bei Essay Recordings erschienen.

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