Kultur : Kosmisch

Philharmonie: der Pianist Grigorij Sokolow

Christine Lemke-Matwey

Er spielt, wie sicher viele Pianisten gerne spielen würden – und sich keiner mehr traut. Subjektivistisch, ekstatisch, anarchisch. Und mit einer Klang(farben)fantasie, einer Anschlagskultur, die man wiederum längst verloren geglaubt hat und die erschüttern kann. Mag man bei Lang Lang nicht recht glauben, dass dessen Zirkushände auch aus Knochen bestehen, so ist es bei Grigorij Sokolov die Tastatur, die sich noch vor allem Anfang in einen pulsierenden Resonanzboden verwandelt. Alles hier singt, duftet, ist Atem, Geist, kosmisches Raunen. Allein wie hingebungsvoll der Petersburger die eröffnenden Auftakte im Kopfsatz von Beethovens früher A-Dur Sona-te op. 2,2 polstert, ja in Watte packt, ist ein Ereignis. Auf dass ihnen kein Leid geschehe, die Luft zwischen den Tönen durch nichts verunreinigt werde.

Sokolov – inzwischen 59, weißhaarig und von Brahmsischer Statur – ist Mystiker und Mönch, ein bedingungsloser musikalischer Querdenker. Immer wieder legt er die Lupe an, tupft Einzeltöne in den Raum, spürt – wie im Largo appassionato – dem Unerhörten im Einfachen nach. So eigenbrötlerisch er phrasiert, so natürlich finden seine Tempowechsel und Rubati stets zum Herzschlag der Musik zurück. Sokolovs stilistisch-rhetorisches Interesse freilich ist nach wie vor begrenzt, was sich im Kammermusiksaal schon daran zeigt, dass er Beethovens Fantasie-Sonate (Es Dur op. 27,1) am liebsten direkt an die A-Dur Sonate angeschlossen hätte, ohne störenden Applaus. Zwischen den Haydnschen Rokoko-Schößchen der einen Musik und dem Freiheitsdrang der anderen klaffen ihm keine Welten, was nach heutigen Begriffen ein bisschen schade ist.

Und auch Schuberts späte D-Dur Sonate D 850, das dritte spröde Werk des Abends, liest er in ihrer monumentalen Dreisätzigkeit als unendliche Melodie. Man mag Sokolovs Forti in den Ecksätzen aggressiv und kathedralisch finden, auch treibt er hier bisweilen arg viel Ausdruckstanz, Schubert behält in seinen Ausbrüchen – darin liegt ja die Tragik – doch eher etwas Gedeckeltes, Gefasstes. Die Wienerische Seligkeit im Scherzo aber und die Mozartsche Kühle, die verspielte Stille im Rondo-Finale treiben einem alsbald die Tränen in die Augen. Welch rare Kraft. Ovationen und einige Zugaben. Christine Lemke-Matwey

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