Kultur : Kosmisch

Das Apparat Organ Quartet lärmt in der Volksbühne

Volker Lüke

Die Heimorgel ist ein irres Gerät. Man kann mit wenig Personal jede Menge Geräusche machen. Dabei ist das Instrument aus der Mode gekommen, seitdem Heimmusiker nur noch mit der Tastatur ihrer Computer klappern. Dagegen schwört das Apparat Organ Quartet aus Island seit zehn Jahren auf die Heimorgel und hat sogar eine Vereinbarung mit der städtischen Müllabfuhr von Reykjavik getroffen, die jedes Mal die Band informiert, wenn mal wieder ein verstaubtes Exemplar aus dem Keller muss. Ursprünglich von der Idee getragen ein von der Minimal Music inspiriertes Elektro-Orgel-Ensemble zusammenzustellen, das Werke von Steve Reich und Phillip Glass aufführt, fingen sie irgendwann an, eigene Stücke zu schreiben, die den Vorstellungen von Kraftwerks Bumm-Tschak-Mensch-Maschine ebenso nahekommen wie dem Postrockgelärme von Mogwai.

Bei ihrem Auftritt in der Volksbühne zieht die aus vier Keyboardern und einem Schlagzeuger bestehende Band alle Register, die das lustige Tastendrückerhandwerk zu bieten hat. Kein Stück, das nicht nach einer verqueren Karussell- oder Dampflokfahrt klingen würde: Tonnenschwere Power-Electronic-Keyboards, die Metal-Gitarren imitieren, angetrieben von Felsengewitterdrums. Dann wieder metertiefes Waten in blubbernden, versponnenen Sounds. Bombastisches Prog- Rock-Geschwurbel mit roboterhaften Vocoderstimmen und Easy-Listening-Melodien, schamlos geklaut von Jean-Jacques Perry, John Carpenter, Goblin, Daft Punk und Dr. Phibes.

Das alles rasselt zusammen zu einem sagenhaften Yamaha-Farfisa-Moog-Bontempi-Brummsausen: Eine Musik, die nicht nur zurück in die Zukunft führt und die Heimorgel als erhabene Lärmmaschine rettet, sondern auch die Weltraumdisco einer Galaxie ansteuert, in der kosmische Partikelschauer den Musikergehirnen stark zusetzen. Passend dazu verabschieden sich die Elektronerds in ihren grauen Anzügen nach 80 Minuten mit einer Geste, die genauso behämmert ist wie der legendäre Unterwassertanz in Raumpatrouille Orion. Volker Lüke

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