Kultur : Kosmopolitisch

Joanna Bators Roman „Wolkenfern“.

Tobias Schwartz

Wer heute von Weltliteratur spricht, meint in der Regel Literatur aus aller Welt, die über die Grenzen des eigenen Landes hinaus bedeutsam wurde. Nur dachte Goethe, der den Begriff prägte, dabei noch an mehr. Für ihn atmete Weltliteratur einen transnationalen Geist der Toleranz und Offenheit. Es scheint, als habe die große polnische Autorin Joanna Bator Goethes Ideen tief verinnerlicht. Ihr neuer Roman „Wolkenfern“ jedenfalls hätte kosmopolitischer nicht ausfallen können. Von der Bezeichnung „osteuropäische Literatur“ distanziert sich die Autorin auf der Website ihres Verlages auch ausdrücklich.

Im Zentrum des teils schwarzhumorigen, oft tragischen, dabei immer mitreißenden Romans steht Dominika, eine junge Polin, die nach einem Verkehrsunfall aus dem Koma erwacht, sich von den Fesseln ihrer Nationalität – und Verwandtschaft – löst und die Welt erkundet. „Wolkenfern“: Der Titel bezeichnet einen Sehnsuchtsort, an den sich Dominika und ihre Freundin beim Schuleschwänzen wünschten. Es ist kein Zufall, dass bereits die Hauptfigur in Bators früherem, viel gelobten Familienroman „Sandberg“ so hieß. Getrieben von Fernweh, strandet sie nun als Fotografin in New York, in London und schließlich in Griechenland, immer begleitet von Erinnerungen an die Zeit vor dem Unfall und kuriosen Familiengeschichten. Die wiederum werden von denen ergänzt, die ihr begegnen.

Alle wollen Dominika ihre Geschichte erzählen, und vielen erzählt sie die ihre. Zum Beispiel die von ihrem Ehemann Ivo, der von nichts mehr träumt als von der Zubereitung raffinierter Desserts und sich widerwillig in einen Spanier verliebt. Die ihrer afroamerikanischen Freundin Sara, die von der südafrikanischen, Völkergruppe der Khoi Khoi abstammt. Vor allem aber die Geschichte Grazynkas, einer zweiten Protagonistin, die vor dem Einmarsch der Deutschen in Polen unter der Obhut der später ins KZ deportierten „Teetanten“ Aniela und Róza aufwächst – beide scheinen übrigens fast eins zu eins der Film- und Broadwaykomödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ entsprungen zu sein.

Es sind so viele Geschichten, düstere wie heitere, dass man als Leser gelegentlich den Überblick verliert. Dieses Verlorengehen in Ebenen und Welten aber wirkt durchaus beabsichtigt. Virtuos spielt Bator, die als Philosophiedozentin in Warschau, New York, London und Tokio lehrte, mit den Handlungssträngen, treibt sie auseinander, um sie wieder einander anzunähern. Ein kurioser Gegenstand ist es, der schließlich das Geschehen über immerhin 500 Seiten zusammenhält: der Nachttopf des von Goethe verehrten Eroberers Napoleon Bonaparte. Wie dieser Nachttopf aus der „Napoleonhütte“ im polnischen Kamiénsk nach New York und von dort in die Hände von Dominika gelangt, ist eine weitere Geschichte in Bators wunderbarem Roman. Tobias Schwartz

Joanna Bator:

Wolkenfern. Roman. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Suhrkamp Verlag,

Berlin 2013.

500 Seiten, 24,95 €.

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