''Kosmos Weimar'' : Großbaustelle des Geistes

Mit ihrem weit gespannten Masterplan kann die Klassik Stiftung Weimar ihre Zukunft angehen. Außerhalb Weimars muss gelegentlich an die Dimension des Erbes erinnert werden, das im Besitz des beschaulichen Thüringer Städtchens ist.

Bernhard Schulz

Der Blick aus dem Eckzimmer geht auf den Park an der Ilm. Die mächtigen Bäume grüßen durch die geöffneten Fensterflügel. Auf Biedermeiermöbeln verteilen sich Akten und Papiere, allein ein dezenter Computermonitor ruft die Gegenwart in Erinnerung. Die Atmosphäre ist von heiterer Gelassenheit.

Hellmut Seemann, der Präsident der Klassik Stiftung Weimar, hat allen Grund dazu. Am 8. Juli hat der Rat der Stiftung, die auch die Kunstsammlungen zu Weimar einschließt, den Masterplan „Kosmos Weimar“ verabschiedet, der die Grunderneuerung der Institution vorsieht. Bis 2017 stehen Investitionsmittel in Höhe von 150 Millionen Euro bereit; weit mehr, als vor wenigen Jahren in einer Zeit tiefster Depression nach dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek am 2. September 2004 überhaupt zu erträumen war. Und es sind nicht allein die Geldmittel. Ein Umdenken in der Politik hat stattgefunden, der mit dem Kosmos-Plan seinen Ausdruck findet. Weimar ist zu einer Herzensangelegenheit der Kulturnation geworden.

So würde Seemann das nicht formulieren. Pathos liegt ihm fern. Noch vor drei Jahren hat ihn das Gutachten einer auf Drängen des Wissenschaftsrates eingesetzten Strukturkommission arg in Bedrängnis gebracht, musste er doch die Verantwortung für Versäumnisse tragen, die teils in Jahrzehnten aufgelaufen waren, teils aber auch der Zaghaftigkeit der Nachwendejahre geschuldet waren.

Jetzt, mit dem im Finanz- und Investitionsplan erklärten Willen des Bundes und des Landes Thüringen, kann Seemann die Zerrüttung offen aussprechen. „Lange schien Weimar in einer Art Dornröschenschlaf zu liegen. Die Stiftung Weimarer Klassik pflegte ihre splendid isolation, ohne zu merken, dass sich der Mehltau der Nostalgie auf alles legte.“ Doch „die Katastrophe in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek hat viele, innerhalb und außerhalb der Stiftung, wachgerüttelt.“ Wohlgemerkt, auch „innerhalb“.

Vom Brand in den oberen Geschossen der Rokoko-Bibliothek ist äußerlich nichts mehr zu sehen. Im Inneren fällt auf, dass die Räume schöner sind als zuvor – und dass unzählige Bücher fehlen. Die Lücken zu schließen, durch Buchrestaurierung oder Zukauf, wird Jahrzehnte erfordern. Die Wiedereinweihung am 24. Oktober 2007 hat, mit den Worten der Rede von Bundespräsident Köhler, die große Trauer „über den unrettbaren Verlust von Teilen unserer Kultur und Tradition“ ins Gedächtnis gerufen.

Außerhalb Weimars muss gelegentlich an die Dimension des Erbes erinnert werden, das im Besitz des beschaulichen Thüringer Städtchens ist. „Prachtvollere Sammlungen als die in Weimar gibt es viele“, untertreibt Seemann, um dann das Entscheidende zu benennen: „Aber schwerlich wird man eine finden, deren Kontinuität und Universalität sich so systematisch am Ideal einer individuell gedachten Bildung orientiert.“

Offenbar ist Bildung auch im Zeitalter des Gruppentourismus eine individuelle Angelegenheit. Der Besucherandrang im Schloss, der Residenz der ernestinischen Linie des sächsischen Herrscherhauses der Wettiner, ist auch bei Sommerwetter überschaubar. Man ahnt, wie sich Selbstzufriedenheit in Einrichtungen ausbreiten konnte, deren Tätigkeit keine Resonanz mehr auslöste. Dabei könnte das Schloss ein Mittelpunkt sein, der die öffentliche Neugier von alleine wachruft. So soll es werden: Die Herrichtung des Schlosses ist der Kernpunkt des Masterplans.

Es bedurfte erheblicher Anstrengungen des Freistaats, um die Übertragung des Schlosses von der Schlösserstiftung Thüringens auf die Klassik Stiftung in Gang zu setzen. In eben diesem Schloss hat sie nun ihren Sitz, wird aber die schönsten Räume aufgeben müssen, wenn der Rundgang durch das piano nobile der Vierflügelanlage Wirklichkeit wird.

Am Schloss in seinem jetzigen Zustand haben anderthalb Jahrhunderte gebaut, seit 1775 mit dem Wiederaufbau nach einem verheerenden Brand bis zum Ende des Duodezfürstentums 1918. Und noch ein Weile darüber hinaus: So ist die Schlosskapelle, der markante Eckpunkt an der Stadtseite, von den „Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar“ der DDR ab 1965 mit Stahlgerüsten zum Magazin verunstaltet worden. Bis Anfang 2005, bis zur Eröffnung der wundervoll ins „Rote Schloss“ eingefügten Studienbibliothek mitsamt ihrer unter dem Schlossvorplatz gelegenen Tiefkeller, wurden die Stahlböden genutzt, die die Säulen und Emporen der Kapelle umgreifen und verdecken.

Zur geschlossenen Vierflügelanlage wurde die Residenz erst unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg. Der letzte Großherzog ließ sich sogar einen hochmodernen Aufzug einbauen, um in seine Privatbibliothek in der Beletage zu gelangen. Die angrenzenden Räume, im Erdgeschoss wie oben, sind großenteils Verwaltungszimmer, die sich mit Wanddurchbrüchen öffnen ließen. So wäre im Erdgeschoss ein Zugang mit den nötigen Serviceflächen möglich, ehe der Besucher über das grandiose klassizistische Treppenhaus in den Festsaal gelangt und den Rundgang durch alle neuzeitlichen Epochen des Schlossbaus aufnimmt und damit auch durch die Etappen des „Weimarer Kosmos“.

Die vier Dichterzimmer hatte die Großherzogin Maria Pawlowna in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts ausgestalten lassen, jener Zeit, in der die literarische Klassik soeben Geschichte geworden war. Sie könnten erneut zu jener geheimnisvollen Schnittstelle von fürstlicher und bürgerlicher Literaturverehrung werden, die sie einst waren. Denn Maria Pawlowna ließ eine heute versteckte Treppe aus dem seitlichen Durchgang heraufführen, die den ansonsten vom Hofzeremoniell streng ferngehaltenen Bürgern Eintritt bot. „Ich behaupte“, so Seemann, „das ist der erste bürgerliche Zugang zu einem Schloss!“

Da ist der Präsident unversehens aus der Literatur- in die Kulturgeschichte gewechselt, der im Masterplan ein neuer Stellenwert eingeräumt wird. Diese Geschichte – im Kern die deutsche Geschichte der letzten 250 Jahre – soll im Schloss erfahrbar gemacht werden. „Dazu gehören“, so Seemann, „die Sternstunden deutscher Geschichte ebenso wie der tiefste Fall, der in der zivilisierten Welt stattgefunden hat.“ Das ist eine Betrachtungsweise, die – allen hochoffiziellen Buchenwald-Ritualen zum Trotz – in der Stadt und weit darüber hinaus beileibe nicht nur Freunde hat.

Der Begriff der „dezidierten Modernitätsverweigerung“, den der Masterplan bereithält, rührt an die Grundbefindlichkeit Weimars, der Stadt und ihrer Bewohner. Das 20. Jahrhundert, so die unselige, auch zu DDR-Zeiten stillschweigend gepflegte Tradition, hat hier nicht stattgefunden und soll am besten nicht stattgefunden haben. Umso schrecklicher ereignete es sich dann im Extrem des Lagers.

Großen Wert legt Seemann daher auf den Neubau eines Bauhaus-Museums anstelle des klapprigen Provisoriums am Theaterplatz. Der geldgebende Bundestag, Taktgeber der politischen Entscheidung für den Masterplan, räumt den Sanierungsmaßnahmen Priorität ein, doch muss eine Entscheidung über Standort und Konzeption des Bauhaus-Museums bis Mitte 2009 fallen. Im kommenden Jahr nämlich, so Seemanns Sorge, finden Wahlen in Bund, Land und Kommune statt. „Deswegen ist es wichtig, bis zu diesem Zeitpunkt so viel vom Masterplan wie möglich einzupflocken.“ Die Beschwörung der „Chance, jetzt ein gutes Jahr lang Entscheidungen zu treffen“, ist eine Mahnung auch ans eigene Haus.

„Mein unermesslich Reich ist der Gedanke / Und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort“, steht Schillers Bekenntnis aus der „Huldigung der Künste“ von 1804 in dem ihm gewidmeten Saal im Schloss zu lesen. Bei Schiller sagt es die Poesia. In Weimar klingt es immer so, als habe die Politik es sich zu eigen gemacht.

Die hat einen gewaltig großen Schritt nach vorne getan. Jetzt ist es an der Klassik Stiftung Weimar, den schönen Worten kühne Taten folgen zu lassen.

Infos unter: www.klassik-stiftung.de

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