Kultur : Kostbar wie Purpur

WOLFGANG LEHMANN

Der Pergamonaltar auf der Museumsinsel in Berlin-Mitte gleicht gegenwärtig einer Baustelle: Die Restaurierung des ergrauten und innerlich verrosteten Giganten- und Götterfrieses wird noch bis in die Jahre 2001/2002 dauern.In den Räumen rechts und links vom Hauptstück des Pergamonmuseums, in den Sälen der römischen und der hellenistischen Architektur, ragen die Bauten einer anderen wichtigen antiken Stadt in die Höhe: das Markttor und - etwas verschämt in die Ecke gedrückt - das Fragment des Rathauses von Milet, beide für eine Ausstellung "100 Jahre Ausgrabungen in Milet" mit einem Löwenkopf und einem Purpurstreifen gekennzeichnet.Der Löwe als Machtsymbol taucht immer wieder als steinerner Zeuge auf, Purpur erinnert an die Produktion und den Handel mit dem kostbaren Farbstoff, die Milet reich gemacht haben.Das Logo und ein entsprechendes Faltblatt führen den Besucher zu Architekturteilen und Statuen, Grabbeigaben und Münzen - Funde aus der kleinasiatischen Hafen- und Handelsstadt in der heutigen Westtürkei, die allerdings inzwischen acht Kilometer vom Meer entfernt liegt.

Es sind nicht nur Zeugnisse aus der glänzenden Vergangenheit der einst mächtigen ionisch-griechischen Stadt.Als Fundstücke künden sie auch von den Forschungen in der Aufbauzeit der damals Königlichen Museen in der preußischen und deutschen Hauptstadt.

An das Jubiläum dieses nach der Pergamongrabung bedeutendsten Beitrags der Berliner Museen zur Erkundung antiker Stadtanlagen erinnert jetzt die Ausstellung.Zwischen dem Markttor aus der römischen Epoche (um 120 n.Chr., unter Kaiser Hadrian) und der Rathausecke aus der Zeit, in der auch der Pergamonaltar entstanden ist (zwischen 175 und 163 v.Chr.) als den architektonischen Fixpunkten, haben Volker und Ursula Kästner Funde aus den und Dokumente über die Kampagnen, die unter Leitung des damaligen Direktors Theodor Wiegand bis 1914 dauerten, plaziert.

Da trifft es sich gut, daß die Räume mit archaischen Skulpturen (aus dem 6.Jahrhundert v.Chr.) an den hellenistischen Architektursaal grenzen.Nach dem liegenden Löwen, Grabwächter aus den Nekropolen südlich der Stadt, erinnert noch eine Frauenstatue an Götterkult - und an die Entwicklung griechischer Plastik zu realistischer Gestaltung.Sie und die Statuen thronender Frauen stammen aus der Zeit vor 494 v.Chr., als die Stadt von den Persern dem Erdboden gleichgemacht worden war.Durch diese gründliche Zerstörung und den gestiegenen Grundwasserspiegel konnte Wiegand die archaische Großstadt nicht so erforschen, wie er es vorgehabt hatte.Erst in jüngerer Zeit - seit 1989 graben dort Archäologen der Universität Bochum unter Volkmar von Graeve - wurden die Forscher fündig.

Von den Berliner Grabungen stammen "nur" Statuen und Kleinfunde aus der großen Vergangenheit Milets.Bis ins 13.Jahrhundert v.Chr.- in die minoische Zeit - werden die Grabfunde datiert, elegante Trinkbecher auf hohem Fuß, ebenso sparsam wie schwungvoll dekoriert, Schmuckperlen und ein kleiner Schminkstift aus Rötel für ein Frauengrab, Lanzenspitzen und Dolche für das Grab eines männlichen Toten.Diese Funde sind in der permanenten Ausstellung im Alten Museum zu sehen (erstes Kompartiment), weitere Statuen und Kleinfunde aus der archaischen Zeit im sechsten Kompartiment.Einer der Dolche ist hethitischen Ursprungs: Hinweis auf die Handelsbeziehungen und auf die Theorie, daß das alte vorgriechische Milet die hethitische Stadt Achiawa gewesen sein könnte.

Pergamonmuseum auf der Museumsinsel, bis 31.Dezember, Dienstag-Sonntag 10- 18 Uhr, montags geschlossen.

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