Kultur : Kostbarer Kitsch

Russische Kunst erzielt in London Millionenpreise

Matthias Thibaut

Bei den Londoner Russland-Auktionen gab es diese Woche Preise, die man noch vor zwei Jahren als verrückt bezeichnet hätte. Offenbar behalten die Ölmilliardäre Vladimir Voronchenko und Viktor Vekselberg Recht, die mit ihrem Aurora Investmentfond in diesem Jahr 100 Millionen Dollar in russische Kunst investieren. Sie glauben, dass russische Kunst im Preis nur steigen kann, weil das Land durch 70 Jahre Kommunismus von Kunst geradezu leer gefegt wurde.

Insgesamt wurde den voll gepackten Londoner Auktionen, über die Kunst nun aus westlichen Emigrantensammlungen nach Russland zurückfließt, Kunst für 70 Millionen Euro verkauft. Bei Sotheby’s brachte ein von Cézanne beeinflusstes Stillleben des Malers Ilja Iwanowitsch Maschkow, auf 200 000 bis 300 000 Pfund geschätzt, den Überraschungspreis von 2,23 Millionen Pfund. Bei Christie’s bezahlte ein Käufer für eine Odaliske von Boris Michailowitsch Kustodiev 1,7 Millionen Pfund. Das farblich grelle Bild, das die meisten Westeuropäer kitschig finden würden, schien mit 180 000 bis 220 000 Pfund eigentlich hoch genug taxiert.

Alles kostet wieder ein bisschen mehr. Christie’s verkaufte ein Paar Petersburger Prunkvasen mit Miniaturkopien von Altmeistergemälden für 1,6 Millionen Pfund – bei Sotheby’s kostete ein solches Paar die doppelte Schätzung von 1,5 Millionen. Monumentalvasen aus der Petersburger Manufaktur kosten nun drei oder vier Mal so viel wie die vergleichbaren Berliner Ansichtenvasen.

Voronchenko war sich sicher, dass der russische Geschmack auf „mindestens 10 Jahre“ traditionell und der alten Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verhaftet bleiben würde. Doch in den Auktionen überholt nun bereits die Kunst der russischen Postimpressionisten die bisherigen Spitzenreiter, die Sonnenuntergänge und Steppenlandschaften des 19. Jahrhunderts. Die Frage ist nicht, wann den russischen Käufern das Geld ausgeht, das wird nicht so schnell der Fall sein. Die Frage lautet vielmehr, ob sie sich nicht doch im Zeitalter der Globalisierung den gängigen westlichen Geschmackstrends anschließen werden und der Markt für das kunsthandwerkliche Kräuselzeug plötzlich schnell wieder in sich zusammensackt.

Hohe Preise gibt es in London nun, wo die Auktionen für alte Kunst auf Hochtouren laufen, auch für westeuropäische Kultur – wenn sie denn fein genug ist. Bei Christie’s brachte ein Satz von Löffelchen und Gabeln, 1615 von dem Augsburger Silberschmied David Altenstetter gefertigt und von den Experten als das „ältestes Besteck“ der Welt tituliert, umgerechnet 1,8 Millionen Euro.

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