Kultur : Krach im Stillstand

Beschwörungsformeln: Radiohead geben im Berliner Velodrom ein erhebendes Konzert

Kai Müller

Anfänge. Es sind die Anfänge. Ein Pochen. Das metallische Klacken eines Drumsticks. Die ersten groben Umrisse eines Gitarrenakkords. Die Songs von Radiohead sind Botschaften des Windes. Sie rütteln am Dachstuhl und zerren an Fensterläden, während die Musiker wie verschreckte Kinder im Keller sitzen und die bösen Geister vertreiben. Thom Yorkes Gesänge haben mehr mit Beschwörungsformeln gemein als mit Liedern. Nicht nur, dass man nicht weiß, wovon sie eigentlich handeln. Sie bleiben, bevor sie wirklich anfangen, lange in der Schwebe, klingen wie andere Radiohead-Songs, suchen sich einen Weg. Wenn der Refrain ertönt, ist alles Wesentliche gesagt. Dann haben sie ihr Geheimnis preisgegeben.

Auf der Bühne des Berliner Velodrom steht die fünfköpfige Band aus Oxford aus einem einzigen Grund: Sie will Musik machen, und wir dürfen zuhören. Ständig werden Gitarren hereingereicht, Klaviere gerückt, und die beiden Gitarristen Ed O’Brian und Jonny Greenwood knien vor ihren Effektgeräten, um diffuse Tonsignale durch einen elektronischen Irrgarten zu steuern. Natürlich gibt es auch Scheinwerferbatterien, im Hintergrund wandern permanent geheimnisvolle Diodenbilder über Leuchtstäbe, und Videomonitore übertragen Nahaufnahmen dessen, was ohnehin jeder sehen kann, genauso verwaschen, grobkörnig und pseudo-intim wie die Musik selbst. Was einen an den Film „Meeting People Is Easy“ erinnert (Regie: Grant Gee), der dieselbe fahrige Videoästhetik benutzt, um in die geheimnisvoll-autistische Gedankenwelt der Band vorzudringen – und nur leere Empfindungen findet (noch bis 19.11. in der Brotfabrik, jeweils 23 Uhr).

Auch eine Berlin-Sequenz ist in der Dokumentation zu sehen: Baukräne, Baulücken, Baugerüste. Das war 1997. Als Radiohead 2001 noch einmal kamen, stürzte wenige Stunden vor ihrem Auftritt das World Trade Center ein. Niemand dürfte das vergessen haben, auch die nicht, die dann zu Hause geblieben sind. Doch in der Traumwelt von Yorke kommen Katastrophen von irdischen Ausmaßen nicht vor. Es ist schon schwierig genug, all die kleinen Synapsendesaster zu verarbeiten, die mit jedem Gedanken einhergehen. Und so hüpft und kreiselt Yorke wie ein Derwisch durch seine surrealen Lautmalereien. „Raindrops, the raindrops“ ruft er, während die Band einer ihrer zerdehnten Krachlawinen entgegenstrebt.

Nur dass zwischen den einzelnen Titeln immer wieder Pausen klaffen, erinnert daran, wie sehr das Quintett bei seinen Noise- Exkursionen und Pop-Zertrümmerungen an der ehrwürdigen Song-Form festhält. Eigentlich setzen sich die 24 Stücke in zwei Konzertstunden zu einer fantastischen, erhebenden Großform zusammen.

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