Kultur : Krachen muss es mindestens

Lehrstück für einen Intendanten: Tom Stromberg verlässt das Deutsche Schauspielhaus Hamburg

Katrin Ullmann

„Jetzt wo es vorbei ist, hat es uns sehr gut gefallen“, bekennt ein Museumsplakat. Es klebt an Strombergs Bürotür. Denn so wie sein Abschied aus Hamburg immer näher rückt, rücken dem scheidenden Hamburger Schauspielhaus-Intendanten immer mehr Sympathisanten und Nostalgiker zu Leibe. Die ehemals Hämischen lächeln ihm aufmunternd zu, die ewig Kritischen werden weichherzig. Stefan Puchers „Othello“ durfte das diesjährige Berliner Theatertreffen eröffnen, und für Jan Bosses ständig ausverkauften „Faust“ mit Edgar Selge wickeln sich MoMA-ähnliche Warteschlangen ums Theater. Was ist passiert?

Im Herbst 1998 schlug die heutige Kulturstaatsministerin Christina Weiss, damals Hamburger Kultursenatorin, den „Kriseneuphoriker“ Tom Stromberg als Frank Baumbauers Nachfolger als Intendant des Deutschen Schauspielhauses vor. Zuvor war Stromberg zehn Jahre am Frankfurter Theater am Turm, dann Kulturchef der Expo Hannover: Ein Intendant, den sich viele Hamburger als Leiter der Kulturfabrik Kampnagel gewünscht hatten. Stattdessen übernahm Stromberg die größte deutschsprachige Bühne, die „weiße Eisbude gegenüber dem Hauptbahnhof“, wie Kollege Castorf sie nennt.

Aller Anfang ist schwer. Und Strombergs Anfang war lang. Im Herbst 2000 eröffnete er mit einer Doppelpremiere: Helmut Kraussers „Haltestelle. Geister“. Ein absoluter Flop. Spätabends folgte Jérôme Bels „The show must go on“, eine schwer konzeptionelle Schauspieler-Steh-Party. Das Publikum war enttäuscht, fühlte sich schlecht provoziert, die Kritik war vernichtend. Was Stromberg heute anders machen würde? „Ich weiß es nicht. Man macht Fehler immer wieder.“

Strombergs Zeit am Hamburger Schauspielhaus war ein großes Lehrstück für die Kulturpolitik in diesem Land – und wie man einen solchen Tanker steuert, oder eben nicht. Geschäftsführer Peter F. Raddatz kündigte überraschend seinen Job (im folgenden Jahr taten es ihm gleich ein paar Dutzend Mitarbeiter nach), die Zuschauer blieben aus, die schon roten Zahlen wurden dunkelrot und „Theater heute“ ernannte das Deutsche Schauspielhaus zum „Ärgernis der Saison“. Es wurde dunkel in Hamburg, die Schill-Partei zog ein in den Senat, Dana Horáková von der r „Bild-Zeitung“ wurde Kulturverantwortliche des CDU-FDP-Schill-Senats.

Wer hat sich nicht alles eingemischt! Angesichts von Roland Schimmelpfennigs „Vorher/Nachher“ sprach ein CDU-Politiker von „Kopulationstheater“ und forderte Stromberg zum Rücktritt auf. Ronald Schill sprach sich für eine Schließung des Hauses aus. Und Tom Stromberg kündigte seinen persönlichen Countdown an: „Noch zwei Jahre Wahnsinn“. Am Schauspielhaus kam langsam Land in Sicht, als Michael Eberth Chefdramaturg wurde.

„Der kluge Graukopf“, wie Stromberg ihn nennt, „der mir Signale sendete und sagte: Mich interessiert die Katastrophe, in der Sie gerade sind. Als der so wahnsinnig neugierig reagierte, da wurde mir klar, dass hier mehr Potenzial drin ist, als man an Feedback kriegt. Das war der Punkt, an dem ich in der Dramaturgie aufgeräumt habe.“

Die Resonanz wurde besser, und auch die magischen Zahlen. Eberth, der Zauberer? Oder hatte Stromberg eingelenkt, mehr Klassiker gespielt? „Wir sind alles in allem dem ursprünglichen Konzept treu geblieben. Ich hatte von vorneherein – auch gegenüber der Politik – ganz klar gesagt, dass ich der Meinung bin, dass Jan Bosse, Stefan Pucher, René Pollesch und Laurent Chétouane zu den ersten Regisseuren dieses Landes gehören werden.“ Da hat er nicht ganz Unrecht.

Ob er sich heute noch über Frau Horáková und all die politischen Quertreiber ärgert? Stromberg empfindet weder Hass noch Häme: „Ich vergesse Leute unglaublich schnell, Ich ärgere mich nur – und das ist leider kein Hamburger Phänomen – dass sich die Politik so weit von Kunst und Kultur entfernt hat."

Irgendwann kam der Erfolg. Stromberg setzte mehr auf populäre Namen, engagierte Stars und Jungstars aus Film und Fernsehen, Publikumslieblinge wie Robert Stadlober, Nora Tschirner, Devid Striesow oder August Diehl. Die Inszenierungen wurden dadurch nicht wirklich besser, das 1000-Plätze-Haus aber sichtlich voller. Er habe begriffen, so Stromberg, „dass dieses Haus (und das haben Nagel, Zadek oder Baumbauer auch irgendwann gesehen) immer den größten Wurf, den berühmtesten Schauspieler braucht. Dieses Haus kann nie normal Theater machen. Dieses Haus hat immer diesen Erregungspegel, diesen Größenwahn. Hier muss es mindestens krachen und knallen. Dieses Haus braucht die große Geste.“

Im September übernimmt der ehemalige Stuttgarter Theaterchef Friedrich Schirmer das Schauspielhaus. Er holt Regisseure wie Jürgen Gosch und Dimiter Gotscheff, Sebastian Nübling und Martin Kusej und eine Reihe weniger bekannter Namen. Hat Stromberg einen guten Rat für ihn? „Nein. Wir sind schließlich alle unberatbar. Das ist Theater. Ich wünsche ihm nur, dass er einen überzeugenden, eigenen Spielplan hat.“ Das wird sich bald zeigen. Und in Hamburg wird man wieder misstrauisch gucken und unken. Und sicherlich wird dann man ein wenig wehmütig an die ruhelose Stromberg-Ära denke.

Und Stromberg? Der macht sich, nachdem er auch mal als Intendant für das Deutsche Theater Berlin im Gespräch war, selbständig.Mit Peter Zadek und der Verlegerin Antje Landshoff-Ellermann hat er die my way production gegründet, ist Gesellschafter, Geschäftsführer einer GmbH und verwirklicht damit seinen Traum, endlich mal eigenes Theater zu machen. In Brandenburg, in Streckenthin, in einem riesigen, alten Herrenhaus. Dort werden sie vor allem Shakespeare proben. Die Wiener Festwochen, die Berliner Festspiele und die Ruhr-Triennale stehen als Koproduzenten bereit. Nebenbei möchte Stromberg zwischen den Regiegenerationen vermitteln. Er wird für Studenten aus allen Theaterberufen einen Postgraduate-Studiengang einrichten. Ganz ohne Studiengebühren.

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