Kultur : Kraftmeier als Leisetreter Akademie der Künste: Andras Schiffs Beethoven

Isabel Herzfeld

Von Schiller zu Beethoven ist es nur einen Steinwurf weit: Nach dem Schiller- Marathon im Haus am Pariser Platz lud Adolf Muschg zu András Schiffs Beethoven-Abend in die Akademie der Künste am Hanseatenweg. Doch Beethoven, den Sänger des Menschheitsideals, enthält der ungarische Klavierpoet uns vor. Das Sonatenwerk erschließt er sich chronologisch und ist so gerade bei der frühen Periode kurz vor 1800 angelangt. Und aus dieser sucht er mit den Opuszahlen 49, 14 und 22 auch noch das harmlos Klingendste, Lyrischste und Diskreteste hervor. Kraftmeier Beethoven als Leisetreter also, domestiziert und parfümiert unter Haydnscher Perücke.

Mit sensiblem Anschlag lässt Schiff den Steinway nach Hammerklavier klingen, schlank, biegsam und luzide. So sind die Strukturen detailliert ausgeleuchtet, atmen in abwechslungsreicher Phrasierung. Wie absichtslos träumt die „kleine“ g-moll-Sonate op. 49,1 vor sich hin, von allerlei improvisierten Verzierungen belebt. Der Einsatz des Pedals ist Schiff nicht selbstverständlich – so kann sich in der Coda des trocken abschnurrenden G-Dur-Menuetts ein kleines pastellzartes Klangwunder auftun. Polyphone Klarheit lässt dann die melodischen Linien in op. 14,1 in Sehnsuchtsgefilde hinüberwachsen, und im staksenden Variationensatz des Schwesternwerks schaut wohl der späte Schumann dem Meister über die Schulter. Doch das alles läuft sich leider tot, wird geschmäcklerische Detailklauberei, weil letztlich die große, auch klanglich gestaltete Linie fehlt, in der sich auch so etwas wie Emotion ereignen könnte. „Spricht die Seele so spricht ach schon die Seele nicht mehr“ – bei diesem Schillerzitat, so Adolf Muschg, kommt es auf die Betonung an.

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