Kultur : Kraftwerk der Gefühle

Geld sammeln, Nachwuchs fördern: Verena Tafel führt den Freundeskreis der Universität der Künste

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Stahlträgerin. Verena Tafel hinter einer Skulptur von Gisela von Bruchhausen. Foto: Zinken
Stahlträgerin. Verena Tafel hinter einer Skulptur von Gisela von Bruchhausen. Foto: Zinken

Sie geben Geld und machen möglich, dass junge Künstler eine Weile ohne finanziellen Druck arbeiten können: Berliner Stiftungen und andere Institutionen, bei denen man sich für Stipendien oder Ateliers bewerben kann. In unserer Sommerserie stellen wir diese Einrichtungen vor – und die Menschen, die ihnen ein Gesicht geben.

Die Sonne brennt an diesem Nachmittag auf die Alte Bibliothek in der Hardenbergstraße. Drinnen schwitzt Verena Tafel, obwohl die dicken Mauern kaum Hitze durchlassen. Doch es gibt viel zu tun. Seit Stunden packt Tafel Kunstwerke aus und platziert sie im Raum. Ihre Praktikantin hängt Plakate auf – Werbung für die Aktion „Kunstkaufen 2011“. Ein wichtiger Termin für den Freundeskreis der Universität der Künste Berlin (UdK), den die meisten noch unter seinem alten Namen Karl Hofer Gesellschaft kennen. Seit Mai 2009 ist Verena Tafel Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins.

Wenn sie von ihren Aufgaben in der Nachwuchsförderung spricht, spürt man echte Begeisterung. Die Kunst, die an der UdK entsteht, findet sie großartig. Wie ein „Kraftwerk“ erscheint ihr die aktuelle Ausstellung der Meisterschüler im Erdgeschoss. Doch was passiert mit den Künstlern nach dem Abschluss? Viele arbeiteten im Studium mit einer „wahnsinnigen Intensität“, meint Tafel, die sich danach nur schwer erhalten ließe. So fielen mit dem Ende der Ausbildung die Arbeitsräume weg, finanzielle Schwierigkeiten bremsten die Kreativität. Mit Begabung habe das nichts zu tun, so Tafel, die äußeren Umstände ließen manche durchs Raster fallen. Tafel versucht, die „Suppe am Köcheln zu halten“. 450 Vereinsmitglieder und ein Gesamtbudget von rund 210 000 Euro helfen ihr dabei.

Allerdings schluckt allein die Miete der 1200 Quadratmeter großen Atelieretage in Oberschöneweide ein Drittel des Etats. Wo früher Werkzeugmaschinen produziert wurden, stehen seit 1997 einem Dutzend ausgewählter Stipendiaten Studios und eine Galerie zur Verfügung. Aus heutiger Sicht hält Tafel den Umzug nach Treptow-Köpenick für einen Fehler. Doch der Mietvertrag läuft erst in drei Jahren aus. Zum Glück gibt es die passionierten Kunstliebhaber Sigrid und Karl-Albrecht Kumm, die jedes Jahr einen mit 10 000 Euro dotierten Atelierpreis aus ihrem Privatvermögen stiften.

Verena Tafel ist das kommunikative Zentrum der Universität der Künste. Sie vermittelt und vernetzt, gewinnt mit Leidenschaft Freunde für ihre Sache. Die frühere Journalistin motiviert, setzt Termine, lädt nach Oberschöneweide ein. Und freut sich über die Möglichkeit, Menschen für etwas zu interessieren, wofür sie selber brennt.

In den vergangenen zwei Jahren hat sie den Verein neu ausgerichtet. Künftig wird es vorrangig um die Förderung der UdK gehen. Der Freundeskreis, so sagt sie, solle die Universität „begleiten, spiegeln und öffnen“. Präsident Martin Rennert versteht den Verein als Partner. Derzeit suche man nach einem neuen Konzept, das für beide Seiten „beflügelnd“ wirkt. Nachdem einige großzügige Förderer weggefallen sind, müsse man sehen, wie es weitergeht.

Für Verena Tafel ist der Freundeskreis eine Herzensangelegenheit. Als Bindeglied zwischen UdK und Öffentlichkeit sorgt die Geschäftsführerin dafür, dass die Künstler sichtbar sind und ihre Arbeiten wahrgenommen werden. Auch die Vereinsmitglieder profitieren: Atelierrundgänge, Begegnungen mit Künstlern, geführte Ausstellungsbesuche. Zusätzlich können sie Jahresgaben etwa der Professoren zu Vorzugspreisen erwerben. Wo sonst bekommt man Werke von Katharina Sieverding oder Rebecca Horn für ein paar hundert Euro?

Für eine Minute schaut die Architekturprofessorin Juliane Zach vorbei. Verena Tafel scheint jeden in der UdK persönlich zu kennen. Dorthin kam sie auf eigene Initiative: Sie bewarb sich, weil ihr ein personelles Vakuum in der Gesellschaft auffiel. „Es gibt mal wieder etwas zum Aufbauen“, dachte sie sich und hatte Erfolg. 42 neue Mitglieder sind seit vergangenem Jahr dazugekommen, für Tafel ein „sensationelles Jahr“. In seiner fast sechzigjährigen Geschichte hat der Verein Höhen und Tiefen erlebt – und er ist so etwas wie ein Spiegelbild der Westberliner Kulturpolitik. Renommierte Mitglieder gab es viele: Ernst Reuter, Otto Suhr, Joachim Tiburtius, Bernhard Heiliger, Edzard Reuter. Rauschende Künstlerfeste in Friedenau und im Bahnhof Westend.

Und heute? Verena Tafel lächelt. Sie hat die Talente auf ihrer Seite. Stipendiat Benedikt Terwiel stellt im Skulpturenpark Köln aus, Simon Menner steht auf der aktuellen Watchlist des Kunstmagazins „Monopol“. Und Susanne Lorenz – Erfinderin des Badeschiffs – ist heute selbst Professorin an der UdK. Verena Tafel bleibt optimistisch. Selbst als vor einem halben Jahr drei Einbrecher in Oberschöneweide Rechner und Kameras stahlen, die Wände beschmierten. Für die Polizei war das eine Bagatelle, für sechs Stipendiaten ein finanzielles und künstlerisches Desaster. Spontan hat die andere Hälfte der Künstler beschlossen, einen Teil ihres Erlöses aus „Kunstkaufen 2011“ an die Geschädigten abzugeben. Ein echter Freundeskreis.

„Kunstkaufen“, Sa 16. 7., 11 –22 Uhr, So 17.7., 14 –20 Uhr. Alte Bibliothek, Raum 101, Hardenbergstr. 33. Am 17.7. findet um 11 Uhr das Podiumsgespräch „Kicks für die Karriere“ statt : Welche Nachwuchsförderung ist in Berlin sinnvoll und notwendig?

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