Kultur : Kraftwerk des Geistes

Die Stadt und das Schloss: ein Berliner Symposium

Michael Zajonz

Der erste Impuls: Das ist schon alles gesagt. Seit 15 Jahren tobt der Streit um die Wiedererrichtung des Berliner Schlosses. Kein Argument, welches seither nicht ausgiebig gewendet worden wäre.

Die Fakten: Im Juli 2002 beschloss der Bundestag die Rekonstruktion dreier barocker Fassaden sowie des Schlüterhofs, um im dahinter zu errichtenden Neubau das Humboldt-Forum unterzubringen. Derzeit wird der Palast der Republik abgerissen. Bis zum Baubeginn in frühestens sechs Jahren wird Berlins wichtigstes Grundstück eine Grünfläche sein – wenn nicht ein Wunder geschieht. Das Kunstmagazin „Monopol“ stellt in seiner aktuellen Ausgabe fünf knallmoderne Entwürfe für ein temporäres Museum aktueller Kunst vor und erntet viel Sympathie. Geld dafür gibt es keines.

Ungeachtet solcher Initiativen formuliert der konservative Zeitgeist immer stärker den Wunsch nach verlässlicher, solider und oft historisierender Architektur. Da kommt ein Symposion „zu Fragen der Rekonstruktion und der räumlichen Konzeption des Berliner Stadtschlosses für das HumboldtForum“, veranstaltet vom Verein Internationale Bauakademie Berlin am Ort des ebenfalls zur Rekonstruktion vorgesehenen Schinkelbaus, gerade recht. Am Wochenende macht es eines klar: Die eigentlichen Schloss-Debatten beginnen gerade erst.

Hans Stimmann, Berlins scheidender Senatsbaudirektor, hatte den Grundkonflikt im Tagesspiegel-Interview auf den Punkt gebracht: die inhaltliche und ästhetisch-gestalterische Einheit von innen und außen – damit aus dem Humboldt-Schloss kein Fassadenschwindel wird wie bei der rekonstruierten Kommandantur. Dort, vis-à-vis vom Zeughaus, ließ der Bauherr Bertelsmann hinter akribisch nachempfundenem Spätklassizismus ein modernes Innenleben implantieren. Nicht nur Stimmann graut vor der Melange „von historisch rekonstruierter Fassade außen und hochgeklebter Teppichkante innen“.

Auch dem Schloss droht Beliebigkeit. Gestalterisch, wenn Fassaden und innere Struktur, wie bei einem Riesenprojekt zu erwarten, von verschiedenen Architekten bearbeitet werden. Unscharf erscheint auch das Nutzungskonzept. In Kooperation von Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Humboldt-Universität und Zentral- und Landesbibliothek soll mit dem Humboldt-Forum ein Schloss des Geistes entstehen. Nur kann sich unter einem Kulturkraftwerk mit außereuropäischem Schwerpunkt kaum jemand etwas vorstellen. Eingepasst in eine Architektur, die Schlüters Barock mit der Moderne versöhnen soll, klingt das wie die Quadratur des Kreises. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Spiritus rector des Humboldt-Forums, stellt immerhin den Beitrag der Stiftung überzeugend klar. Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, verrät leider weniger genau, wie „die traditionelle Berliner Idee einer integralen Wissensproduktion und Vermittlung“ realisiert werden soll. Und Claudia Lux, die Direktorin der Zentral- und Landesbibliothek, ist gar nicht erst anwesend.

Lehmann benennt den Flächenbedarf: 37000 Quadratmeter für Sammlungen, Bibliotheken und ein Schaudepot der aus Dahlem umziehenden ethnologischen, indischen und ostasiatischen Museen. Dazu 14 000 Quadratmeter für Theater, Musik, Kino, Gastronomie und einen 4500 Quadratmeter großen Festsaal, bei dem man unwillkürlich an den Schlüterhof denkt. Forderungen an die Innenarchitektur formuliert Lehmann diplomatisch. Es gehe um Flexibilität im Ausstellungsbereich: „Eine feste Raumfolge kann da durchaus Probleme bereiten.“

Dass sich beim Schloss innen und außen, Fassade und Raum, Form und Inhalt untrennbar durchdringen, betont der Freiburger Kunsthistoriker Peter Stephan. Der Nestor der Schloss-Forschung Goerd Peschken führt aus, welche Innenräume es wert wären, in Kubatur und Gliederung wiederhergestellt zu werden. Wie beeindruckend weit die zeichnerische Rekonstruktion der Schlossfassaden gediehen ist, erläutern die Berliner Architekten Rupert und York Stuhlemmer. Noch arbeitet der Stillstand auf der politischen Ebene für die Rekonstrukteure. Die gewonnene Zeit kommt der Seriosität des Jahrhundertprojekts zugute.

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